Die Steine



Leo Tolstoi



Zwei Frauen kamen zu einem Einsiedler, um sich von ihm belehren zu lassen. Die eine von ihnen hielt sich für eine große Sünderin. Sie war in jungen Jahren einmal ihrem Mann untreu geworden und machte sich deswegen immer noch schwere Vorwürfe. Die andere hingegen, die in ihrem ganzen Leben nichts verbrochen hatte, machte sich keine besondere Sünde zum Vorwurf und war selbstzufrieden.
Der Einsiedler befragte beide Frauen nach ihrem Leben. Die eine bekannte unter Tränen ihre große Schuld. Sie hielt ihre Sünde für so schwer, dass sie auf keine Vergebung hoffte, während die andere erklärte, dass sie sich keiner besonderen Sünde bewusst sei. Darauf sagte der Einsiedler zu der ersten Frau:
„Gehe du, Magd Gottes, ins freie Feld, suche dir dort einen so schweren Stein, dass du ihn eben noch tragen kannst und bringe ihn mir.....Und auch du“, wandte er sich an jene Frau, die sich keine großen Sünden bewusst war, „bringe mir so viele Steine, wie du tragen kannst, aber lauter kleine“.
Die Frauen machten sich auf und führten aus, was der Einsiedler sie geheißen hatte. Die eine brachte einen großen Stein, die andere einen Sack voll kleiner Steine. Der Einsiedler sah sich die Steine an und sagte dann: „ Jetzt macht Folgendes: Tragt die Steine wieder fort und legt jeden auf dieselbe Stelle zurück, von der ihr ihn genommen habt, und kommt dann wieder zu mir“.
Da gingen die Frauen wieder, um die Anweisung des Einsiedlers auszuführen. Die erste fand ohne viel zu suchen die Stelle, von der sie den Stein genommen hatte, und legte ihn dorthin zurück. Die andere jedoch konnte sich trotz allen Nachdenkens nicht darauf besinnen, von welchen Stellen sie jeden einzelnen Stein genommen hatte, und kam unverrichteter Sache mit dem vollen Sack zum Einsiedler zurück.
„Seht ihr“, sagte der Einsiedler, “ebenso verhält es sich auch mit den Sünden. Dir“ , wandte er sich an die erste Frau, „war es ein Leichtes, den großen, schweren Stein auf seinen alten Platz zurückzulegen, weil du noch wusstest, von wo du ihn genommen hast. Du aber „, sagte er zu der anderen, “konntest das mit den kleinen Steinen nicht tun, weil du dich nicht erinnertest, wo jeder von ihnen gelegen hat. Mit den Sünden ist es dasselbe. Du hast deine Sünde nicht vergessen „ sagte er zu der ersten Frau, „hast ihretwegen die Vorwürfe anderer Menschen und deines eigenen Gewissens ertragen, bist demütig geworden und hast dich damit von den Folgen der Sünde befreit. Du dagegen, “wandte er sich wieder zu der Frau, die mit allen kleinen Steinen zurückgekommen war, „hast die von dir begangenen kleinen Sünden nicht im Gedächtnis behalten und dir ihretwegen nicht Gewissensbisse gemacht- du hast dich an das sündhafte Leben gewöhnt und bist, während du andere wegen ihrer Sünden verurteilst, immer tiefer und tiefer in deinen eigenen versunken. Wir alle sind Sünder, sind alle dem Verderben geweiht, wenn wir nicht Buße tun.“

2.8.06 20:12

Letzte Einträge: Horrorstories 1, Die Anfänge, And now for something completely different, Weiter geht's!, Endlich zum Schluss kommen, China und die Religion

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)

Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)


 Smileys einfügen