Einfalt



Mein Leib wird diese Erde nie verlassen.
Mein Fuß wird nie auf andren Sternen gehen.
Die Hand wird nie den Staub des Alls befühlen.
Das Auge wird nur einen Himmel sehn.

Mond bleibt für mich die fleckig gelbe Scheibe,
die nachts im wolkenlosen Dunkel steht –
die stehen bleibt, wenn ich den Schritt verhalte,
und wenn ich gehe, mit mir weitergeht.

Für mich sind Sterne helle ferne Punkte
Hoch über mir in jeder klaren Nacht.
Die Sonne bleibt für mich das warme Wunder,
durch das die Erde jeden Tag erwacht.

Auch Frühling, Sommer, Herbst und Winter bleiben,
Mit Regen, Schnee, mit Sonnenschein und Wind,
die Kräfte, die mein Leben möglich machen,
bis meine Stunden abgelaufen sind.


Stoßseufzer



Ihr habt es doch besser gewusst.
Warum habt ihr uns
Soviel von dem hinterlassen,
das eure Arbeit war?
Unser Leben
Wird nicht länger
Als das eure sein.
Unsere Zweifel
Sind kaum kleiner
Als die euren,
unser Weg
wird nicht grader sein.
Doch unsere Pflichten
Sind reichlicher bemessen:
Eure Bürde
Mit dem Geruch von gestern
Kommt noch hinzu.
Warum, Väter,
habt ihr so endlos gestritten
und so wenig getan?


An Kleinbürgergräbern



Als sie Kinder waren,
besaßen sie sich und sonst nichts.
Dann verkauften sie sich,
um zu besitzen:
Nahrung und Nachkommen,
ein angenehmes Leben und ein Vaterland.

Sie erstanden das Recht:
Ihre Kraft zu vergeuden für einen Broterwerb.
Ihre Zeit zu vergeuden für einen Schrebergarten.
Ihre Einfalt zu vergeuden für eine Meinung.
Ihr Leben zu vergeuden für ein Ansehn.

Ihr Broterwerb blieb ungenügend.
Ihr Schrebergarten verschandelte die Landschaft.
Ihre Meinung belästigte die Nachkommen.
Ein Ansehen erreichten sie nie.

Als sie starben, starben sie hässlich,
linkisch, unbedeutend und unbefriedigt.
Für ein fröhliches Aus-der-Welt-Gehen
Besaßen sie nichts.
Alles, was sie besessen hatten, als sie gekommen waren,
hatten sie aufgebraucht bei ihren Bemühungen
um den Besitz.


Kein Gott



1
Ich lebe jetzt. Mein Tod ist zu erwarten.
Danach vergehe ich so schnell wie Gras.
Von mir bleibt nur, was andere verwenden
Zu ihrem Nutzen und zu ihrem Spaß.

Gedanken, Verse, ein paar Gegenstände,
durch mich entstanden, bleiben in der Welt.
Für eine Weile kann man sie noch brauchen,
bis das, was keinem nützlich ist, zerfällt.

2
Ich habe keinen Gott. Für alle Taten,
die ich begehe, muss ich Täter sein.
Kein Weltenrichter wartet, mich zu strafen –
Für jeden Irrtum steh ich selber ein.

Ich habe keinen Vater, der mich tröstet.
Es gibt kein Wort, dass unumstößlich ist.
Mich stützt kein Glaubt. Keine weise Fügung
Besitzt ein Maß, dass meinen Nutzen misst.

Ich denke selbst. Ich habe keine Rettung
Vor meinen Zweifeln, wenn die Furcht mich schreckt.
Ich hab die Grenzen meiner Höhn und Tiefen
In meinen eigenen Träumen abgesteckt.

3
Ich hänge ab von der Natur von Menschen,
von allen Kräften für und gegen mich.
Die Welt, in der ich bin, ist gut und böse,
doch weiß ich – alles um mich ändert sich.

Nichts bleibt sich gleich. Wer wagt, sich einzurichten,
der richtet sich für Augenblicke ein.
In einer Welt, bestehend aus Bewegung,
da kann ich selber nur Bewegung sein.

4
Ich fürchte Menschen. Was sind Eis, was Fluten,
was Pest und Feuer gegen die Gewalt
des Untiers Mensch? Die Schreie seiner Opfer
sind, seit es Menschen gibt, noch nie verhallt.

Ich liebe Menschen mehr als alle Tiere.
Sie suchen unaufhörlich einen Sinn
Für ihr Vorhandensein, verstrickt in Irrtum.
Es macht mich froh, dass ich beteiligt bin.

5
Ich bin allein. Für kurze Augenblicke
Bin ich Geliebter, Bruder oder Freund.
Um eine Arbeit, eine Lust zu machen,
wenn sich ein Weg mit meinem vereint.

Auf dieser Erde leben Ungezählte,
aus denen gleiche Furcht und Hoffnung spricht.
Ich weiß um sie. In glücklichen Sekunden
Seh ich mitunter einem ins Gesicht.

6
Da ist kein Mensch und keine Macht vorhanden,
nichts, das mich ganz für sich gewinnen kann.
Ich füge mich der Stärke und der Schwäche.
Nur wer mich tötet, hält mein Suchen an.

Ich bin missbrauchbar, ich bin zu gebrauchen,
denn ich muss sein und suche meinen Wert.
Ich will mich nähren, ich muss mich behausen
Und über Preise wurde ich belehrt.

7
Solange ich lebe, arbeite und liebe,
solange sich mein Geist, mein Blut noch regt,
bin ich dem Wesen meiner Zeit verhaftet,
denn mich bewegt, was meine Zeit bewegt.

Ich denke noch, und bin noch zu belehren.
Ich suche zweifelnd weiter nach dem Sinn,
der uns zu Menschen macht, wer will mich hindern,
die Welt zu lieben, bis ich nicht mehr bin.


Glaub mir



Glaub mir,
man wünscht nicht
ewiglich zu lieben,
wenn man das ewigliche
Leben scheut.

Was du verlangst,
ist wahrlich übertrieben.
Ich lieb nicht ewiglich,
ich lieb dich heut.


Wohnungen



Wenig bleibt von einer großen Liebe
In den Zimmern, wo sie wohnhaft war.
Nicht geschieht mit einem Bett, das bliebe.
Nur am Spiegel glänzt ein langes Haar.

Fort sind längst die Bücher, die sie lasen,
weil ein andrer andre Bücher hat.
Andre Blumen stehn in andren Vasen,
und das Tischtuch ist nur weiß und glatt.

Selbst die hellen Flecken an den Wänden
Zeigen nur, dass dort ein Bildnis hing.
Fort ist jede Spur von ihren Händen,
weil ein Staubtuch über alles ging.

Nichts ist da, was noch für Dritte bliebe,
was ein fremdes Auge ganz versteht.
Aber alle Zeichen liest die Liebe,
wenn sie weinend durch die Zimmer geht.


In sieben Sonetten

(und einem nachgetragenen Sonett)

1.)Als wir uns trafen



Als wir uns trafen, warst du wie der Schatten,
der nur Entsagung kennt, denn alles Sehnen
war tot in dir, und deine matten,
verhöhnten Augen dunkelten von Tränen.

Du musstest lügen, wolltest dich berauschen.
Du wolltest nicht den letzten Trost verlieren,
den dir der Trug versprach, um bei den Menschentieren,
die nur dem Trieb gehorchen, Wärme einzutauschen.

Du hattest jeden Glauben längst verloren
An das Versprechen, an die Kraft der Liebe.
Verfluchtest jenen Tag, der dich geboren.

Du hofftest, dass ein Wind dich weitertriebe,
wie ein verwelktes Blatt im Nebelmorgen.
Du warst so leer und warst so arm geworden.

2.) Als wir uns fanden



Als wir uns fanden, mussten keine großen
Und feilen Worte uns zusammenführen.
Wir konnten durch den Blick in unsre bloßen,
wachen Gesichter die Erwartung spüren.

Du warst wie eine abgerissne Blüte
Im Straßenstaub, von rohem Fuß zertreten.
Ich ahnte es, du sehntest dich nach Güte
Und hast dir meine Nähe nicht verbeten.

Auch ich war wund, man hatte mein Verlangen
Mit Spott verwiesen und war fortgegangen.
Doch als sich dann in mir die Schmerzen lösten,

um mich in ihren Strudel einzutauchen,
war ich allein, und keiner kam zu trösten.
Doch da warst du – du konntest mich noch brauchen.

6.) Als ich dir nachsah



Als ich dir nachsah, ist mir klar gewesen,
dass wir uns irren, wenn wir Menschen meinen,
es könnten aneinander auch genesen,
die sich durch ihre gleichen Schmerzen einen.

Es ist wohl oft so, dass wir längst schon wissen,
wo wir versagten, aber eingestehen müssen,
dass alle Hoffnungen und Mühen sinnlos blieben,
ist viel zu peinlich, wenn wir wirklich lieben.

Ich war zu schnell von meiner Not genesen,
weil ich mich mühte, deine Not zu bannen.
Für mich war Zukunft so gewiss gewesen,

dass ich nicht merken wollte, wie die Dinge
sich gleichgeblieben waren. Denn mir war, als ginge
dein Blut in meinem Blut. Da gehst du nun von dannen.

7.) Was dauert mich



Ich muss mich zwingen, von dir loszukommen,
was dauert mich dein hingelebtes Leben.
Ich hab dir, was ich konnte, hergegeben,
und du hast für dich nichts davon genommen.

Es ist so sinnlos, dass ich mich noch plage,
nicht jeder Scherben lässt sich wieder heilen.
Ich wollte meine Hoffnung mit dir teilen
Und wusste nicht, dass ich Zerbrochnes trage.

Es war zu spät für dich, als wir uns fanden.
Ich wollte fort, du mochtest nicht mehr gehn.
Du hattest schon zu lange stillgestanden.

Ich hab dich mühevoll ein Stück getragen,
du bist zurückgefallen. Lass dir sagen:
Mein Ziel liegt weit. Ich kann nicht bei dir stehn.


Geborgen



Immer, meine Liebe,
gehst du mit mir
wie mit einer kleinen Flamme um.

Vorsichtig hältst du
Deine Hände über mich,
atmest du leise,
schweigst du besorgt.
Woher weißt du das nur,
meine Liebe?


Alltägliche Lieder von Liebe



Die Liebe ist kein Zauberstab,
der jeden Wunsch erfüllt.
In jeder Liebe bleibt ein Teil
Der Träume ungestillt.

Wer alles will, was Liebe kann,
der ist am End allein.
Die Liebe zwischen Frau und Mann
Kann nie vollkommen sein.

Auf beide kommt es dabei an,
zu viel geht nur zu zwein.
Die Liebe zwischen Frau und Mann
Muss Menschenliebe sein.

Dazwischen



Als ich meine erste
und meine letzte Liebe
beieinander sah,
fragte ich mich verwirrt:
Warum hab ich mich,
auf dem langen Wege
dazwischen,
so oft verirrt?


Bremser



Sehen Sie
diesen Mann da?
Er weiß es besser,
aber
er nickt.


An X und Y



Solange ich meine Möglichkeit
zu denken
reduzieren muss
auf eure Möglichkeit
zu begreifen,
so lange
wird es nur selten vorkommen,
dass ich,
obwohl wir der gleichen Sache verpflichtet sind,
mit euch einer Meinung bin.


Naturkatastrophen



Irgendwann
enden Erdbeben.
Feuersbrünste
verzehren am Ende
sich selbst.
Sturmfluten legen sich.
Sogar Lawinen
sind abzulenken.
Nicht so
die Dummheit.

Sind nicht
mächtige Reiche
und große Kulturen
vergangen
durch Dummheit?
Entstanden
allerdings auch.


Haus der Kindheit



Wenn ich durch das Haus der Kindheit gehe,
scheint mir alles seltsam klein zu sein.
Sehnsucht bringt mich in des Hauses Nähe,
und ich bücke mich und trete ein.

Ob die Türen damals größer waren?
Werden Namen mit den Schildern blind?
Werden Fenster kleiner mit den Jahren?
Wie die Stufen schmal geworden sind.

Bis zum Himmel reichten diese Zäune.
Endlich kann ich in die Gärten schaun.
Und ich sehe neue frische Bäume – meine Bäume wurden abgehaun.

Warum taste ich mich wie ein Blinder
Durch die Kindheit und durch dieses Haus?
Auf der Treppe spielen wieder Kinder,
und ich gehe schnell und steif hinaus.


Fünf Nachworte

(4 davon)

1.) Du schreibst



An deiner Schreibmaschine bist du so allein,
als wärst du von dir selber fortgegangen.
Nicht mal mein Lächeln kann zu dir gelangen,
in deiner Arbeit musst du einsam sein.

So dicht bei mir, bist du mir unbekannt.
Und bist mir fremd wie vor den ersten Tagen.
Jedoch wohin dich auch die Träume schlagen,
du steigst nach jeder Fahrt zu mir ans Land.

2.) Ohnmacht




Ich bin so ohnmächtig,
dass ich nicht einmal
meinen eigenen Kindern
sagen kann:
Euch werden die Bäume
Nicht aussterben.
Euch werden die Wasser
Nicht giftig.
Euch wird die Erde
Nicht wüst,
solange ihr lebt.
Und Es ist mir
Kein Trost
Zu wissen:
Kein Mensch
Kann seinen Kindern
So etwas sagen,
außer er lügt
oder hofft.

4.) Sehnsucht, zu groß



Seit diesem Tag, Zukunft, Freundin,
weiß ich, in heißem Erschrecken:
Wenn du endlich eintrittst,
werde ich dir nicht entgegen kommen,
werde ich sitzen bleiben
mit gekreuzten Armen
über den Knien.
Damit du nicht zu früh erfährst,
mit welcher Begierde
ich dich erwartet habe.

5.) Tröstet euch



Entschuldigt meine Ungeduld,
aber ich kann nicht ewig bleiben.
Natürlich
Habe ich verschiedenes
Für meine Notdurft gebraucht.
Außerdem liebte ich
Dieses und jenes,
das brachte Ausgaben.
Aber doch
War ich ein billiger Gast.
Ich habe euch weder
Einen Krieg gekostet
Noch eine Hungersnot.
Also lasst mich das Meine bestellen.
Ich gehe ja bald.
Ich weiß,
ich habe euch weder
eine Maschine erfunden
noch ein Gesetz geschenkt.
Die paar Verse,
die ich zurücklassen werde,
sind nicht der Rede wert.
Also tröstet euch.