I - Die Wiese zum Licht

Kapitel 3 – Der Steinbruch



I – Die Wiese zum Licht



Das grelle Licht das durch die Tür drang blendete. Im ersten Augenblick konnten wir nichts mehr sehen. Aber die Wärme die uns durchdrang ließ uns vergessen wo wir herkamen. Der Zufluchtsort den wir suchten, war zu einer weiteren Prüfung geworden auf dem Weg zum gelobten Land. Und auch die hatten wir bestanden und traten heraus ins gleißende Licht dass schemenhafte Umrisse erkennen ließ was in der Welt da draußen passierte. Und das Schließen der Tür war nur noch das Klopfen auf den Rücken dass uns tief durchatmen ließ. Die Wüste war zu Ende. Irgendwo am Schloss entsprang fruchtbares Land und verwandelte die heiße, gelbe Einöde in ein Stück vom Paradies. Jedenfalls kam es uns nach den bisherigen Strapazen so vor. Denn das feuchte Grün, sah gesund und heimatlich aus. Man spürte, dass wir uns näherten, auch wenn der Weg noch sehr weit war. Wir hatten einen Schritt getan, und Tausende noch vor uns.
Das feuchte Grün war Balsam für unsere Lungen. Die Feuchtigkeit tat uns so gut. Es war als ob wir noch nie welche auf unserer Haut spürten. Und vielleicht war es auch so. Ich erinnere mich nicht. Das wachsende, lebendige Grün, mit seinen atmenden Blättern war wie eine Allegorie des Lebens, während uns bisher immer nur die eiskalte Sichel des Todes umgab und versuchte uns zu Staub zu machen und zur Erde zurückzubringen. Es war kein Dschungel. Kein dichter, hoch gewachsener Wald. Obwohl es hieß, dass wir so einem auch noch begegnen würden, wenn wir denn nicht fehlgelaufen sind. Und beflügelt durch die grandiose Unterstützung eines wunderschönen Anblickes liefen wir vergnügt und fast schon heiter der nächsten Prüfung entgegen. Vogelgezwitscher hörten wir hier natürlich nicht. Für alle anderen Welten die meine hier niedergeschriebenen Erinnerungen lesen mögen, sei gesagt dass es in dieser Welt noch nichts Vergleichbares gibt. Vielleicht handele ich an späterer Stelle nach bestandener Aufgabe einmal darüber ab, was der Unterschied sein kann zwischen den Welten in denen Menschen leben können. Und vielleicht sogar werde ich es zeigen können, indem ich sie alle sehe. Aber um auf diese unsere heutige Welt zurückzukommen – hier gibt es nicht alle Tiere. Unter diesen klimatischen Bedingungen frage ich mich oft wie hier überhaupt etwas leben kann. So wechselhaft wie es hier ist. Wir auf jeden Fall sind zum ersten Mal da wo es uns gefällt, auch wenn man hier nur schwerlich leben kann. Das grüne Land, die einfarbige Hölle würde uns in den Wahnsinn treiben und umbringen. Die einfarbige Hölle würde uns an die Sonne verraten. Nur viel heimtückischer als die Wüste, weil sie uns Idylle vorspielt. Meine gute Frau verneigte sich fast schon vor der überbordenden Schönheit der satten unaussprechlichen Töne. Kein Zweifel. Das war der schönste Anblick dieser Welt den wir je kennen lernten – bis zu diesem Punkt. Das was folgte war weniger natürlich dafür aber noch faszinierender und für das menschliche Auge fast nicht sichtbar, da man es schlicht und ergreifend nicht fassen konnte. Wasser! Das hätte noch gefehlt. Obwohl es fast da war. Denn ein fernes Rauschen drängte an unsere Ohren, durch unseren Kopf. Es klang so, als sähen wir welches.
Fast waren wir peinlich berührt, dass wir mitten durch eine Schönheit schritten und sie allein mit unserer Anwesenheit zertrampelten. Obwohl unsere Füße keinen einzigen Halm niederdrückten. Der Weg führte breit mitten hindurch und wurde am Horizont schier unendlich in allem.
Wir waren glücklich. Ja die Seligkeit fing uns mit den zauberhaften Blüten am Wegesrand und den filigranen Verästelungen der Zweige die sich im blauen Wind wiegten. Es war kein kaltes Blau. Es war ein hitziges, schönes Blau dass uns streichelte je weiter wir gingen. Die Blumen nahmen wir dabei eigentlich gar nicht wahr. Nur als diese eben erwähnte Schönheit zwischen anderen Schönheiten. Wir bemerkten nicht dass der blaue Wind von ihnen kam, und eigentlich ein kalter hässlicher Sturm war. Die Blumen waren gefährlich. Jeder hatte uns gewarnt. Vor den Blumen und davor dass wir ihre Warnungen in den Wind schlagen würden. Ich war Odysseus und hatte mein Weib bei mir. Doch keiner von uns war an den Mast gefesselt. Unser Schiff trug sich hilf- und führerlos durch das endlose Meer. So weit war es nur in meiner Phantasie bis jetzt. Aber bald, ja bald würde es so sein. Ich hielt mir einen Stofffetzen vors Gesicht er mal ein Kleidungsstück war und deutete meiner Klaudia an, dasselbe zu tun. Sie verstand. Ich hoffte so sehr dass es noch nicht zu spät war. Das der Taumel nicht machen würde dass die Reise fehlschlug. Denn das würde sie wenn wir schon zu lange schutzlos umherirrten. Diesem Duft entkam keiner. Keine lebende Menschenseele hatte sie bis jetzt bezwungen. Denn im wahren Leben gab es keinen Mast. Man konnte nur, na ja, verschleiert an ihnen vorbeifliehen.
Wir sahen von hier schon was auf uns zukam. Einer hatte es nicht geschafft. Er saß hinten im Gras. Lasst mich beschreiben was wir sahen um euch zu verdeutlichen was die Blumen mit uns machten, ehe ich mich verliere in Bekundungen unserer Angst. Vor was hatten wir also Angst?
Die Blumen sind wie Hazia. Dein Körper wird sich langsam und unmerklich von deiner Seele trennen. Und während die Luft die wir atmen die Seelen aufsaugt und davon treibt, bleibt der Körper kümmerlich und traurig zurück. Er sitzt da und kann nur noch das Herz am Schlagen halten. Kein Schlaf! Kein Denken! Nur kranke Körper, die dem Verfall anheim fallen, wie die Körper derer die in der anderen früheren Welt Klebe atmeten. Die Stimmen, die jeder in seinem Kopf hat, werden laut, man fängt an sie zu verstehen, und man ist wie betäubt. Zuerst ist es einem egal ob man bei ihnen landet, und schließlich wünscht man sich nichts sehnlicher als zu ihnen zu gelangen und sich verzaubern zu lassen, von dem tückischen Zauber, sich von den lockenden Stimmen umgarnen zu lassen. „Es gibt keinen anderen Wunsch mehr, und keine andere Welt.“ So steht es im alten Buch. Und wir, oh meine treuen Leser, so es euch gibt, haben den Punkt erreicht. Wir sind Getriebene, die ohne Rast diesen Ort verlassen müssen. Die Tücher vor unserem Mund tun uns gute Dienste. Wir kommen schneller voran als ich annahm. Aber auch an uns, oh meine lieben Gefährten, gingen die Blumen nicht so vorbei. Kein Tuch, gleich von was für feinem Stoffe es gewebt ward, konnte die Teilchen, die mikroskopisch kleinen daran hindern, durch die Fasern, oder zwischen Haut und Tuch in uns einzudringen. Ja fast war es so als spürten wir wie sie in uns nisteten. Jawohl ich spürte es. Mit Klaudia konnte ich natürlich nicht sprechen. Es war als wüchsen sie in mir und umrankten mein kleines Herz und führten ihre wunderbaren Knospen auch in meinen unbedeutenden Gedanken. Ja, meine Freunde, ihr lest es hier geschrieben. Wir waren in arger Bedrängnis. Ich war betäubt. Eine Betäubung des Willens, nicht des Körpers. An ihrer dünnen, starken Hand zog mich Klaudia durch das Paradies. Und zu unserer rechten und linken Seite saßen die Befreiten, die genüsslich an den Blumen rochen. Ja ich glaube ich blieb stehen. Klaudia versuchte vergebens auf mich einzureden. Ich vernahm jedoch keinen Laut ihrer glockengleichen Stimme. Ich nahm mein Tuch vom Munde. Sie schaute mich erschrocken an, aber tat es mir gleich letztendlich. Sie schaute so lange verzweifelt bis ich sah, dass ihre Pupillen sich zu einem unsichtbaren Punkt zusammenzogen. Ich zog sie an mich heran und tat alles um ihre Verzweiflung auszuschalten. Ich küsste sie. So ruhig und leidenschaftlich ich es zu tun vermochte – ich tat es. Es war als sei ich in ihr. Und kein Kuss war je so schön.
Und ganz ohne Schutz – durch das Fehlen der Tücher vor unserem Mund – nahm die Blume uns in Besitz. Und wir fielen gemeinsam in das unendliche satte Grün, unser Paradies.
Und oh, meine Begleiter, es war als fielen wir ewig. Wir fielen durch alle Welten, sahen den tiefsten Kreis der Hölle und den höchsten Herrscher. Wir schwebten Weltenraum und liefen durch die schönsten Nebel. Ja, wir waren frei und glücklich. Und wer sagte uns auch das dies nicht unser Ziel war? War nicht unser Ziel die vollkommene Welt und absolute Glückseligkeit.
Ja das war es.
Aber auch hier musste ich daran denken was wir verloren. Solange der Stoff mich nicht ganz durchdrang und ich noch fähig war zu einem eigenen Gedanken. Auch hier vergaß ich nicht Olvido – was in Anbetracht des Wortes schon ein Spaß war der mir ein Lachen abrang, welches den Nebel kurz zu durchdringen schien.
„Meine Liebste Klaudia. So sage mir wie ergeht es dir?“ so hörte ich mich sprechen. Und die Antwort drang wie von ferne an mein Ohr. Ein Lachen war es das erschall und die leuchtenden Farben fast sich wie Blitze erstrahlen ließen.
„Wir sind da mein lieber Wiktor.“ So erklang es von ferne.
Doch nicht lange sollte es währen. Ein eiskalter Hauch nämlich griff nach uns und wurde Unserer habhaft. An meiner Schulter spürte ich eine Berührung wie von Eis. So als ob ich vor lauter Schmerz gar nicht mehr spürte dass sie von Eis war sondern es einfach so wusste – so kalt war sie. Langsam zog mich die Berührung zurück. Das Universum dass ich gerade im Begriff war zu durchqueren, lief rückwärts wieder an mir vorbei und war irgendwann so weit entfernt, dass ich es nicht mehr sah. Kurz schien ich die Augen zu öffnen. Es war als ob mich jemand brutal geschlagen hätte, so dass ich das Bewusstsein verlor. Ich öffnete die Augen und schaute in ein von Schatten verdunkeltes Gesicht. Sofort aber, noch ehe ich erkennen konnte, verlor ich mein Bewusstsein wieder. Etwas Feuchtes legte sich auf mein Gesicht. So sehr ich es versuchte, ich konnte die Augen nicht mehr öffnen und Schlaf umfing mich.

Ich öffnete die Augen. Direkt neben mir hörte ich ein leises Knistern. Ich wollte aufspringen und sehen was vor sich ging. Eine verständliche Reaktion wie ich finde wenn ein loderndes Feuer direkt neben Jemandem knistert. Meine Augen waren bedeckt. Mein ganzes Gesicht war von einem nassen Stück Stoff verschleiert. Ich nahm es ab.
„Das musste sein. Damit du die Blumen nicht mehr so sehr einatmest.“ Ertönte eine düstere Stimme von hinter dem Feuer. Sie war die eines gezeichneten Mannes, gehörte aber zu meiner Überraschung einem jungen Kerl. Kaum älter als ich selbst.
„Ich sah euch in die Blumen gehen, und dachte es gäbe noch eine Rettung.“
Mein Schädel brummte. Die Blumen machen einen besoffen, und die Kopfschmerzen gehören dazu.
Gleichzeitig ist es als wäre man tot gewesen und Petrus Tor hätte sich für einen geöffnet – und nun ist man erneut in der Hölle unten auf der Erde. Und erneut ist man versucht, und wer weiß vielleicht erliegt man dem und wird die Tore nicht noch einmal durchschreiten sondern tiefer sinken als die Erde ist – und dort schmoren. Man bereut zu leben. Ja meine Freunde man weiß es nicht mehr zu schätzen und ich hoffe ihr glaubt mir wenn ich sage dass unser Streben nach dem Ort der uns bestimmt ist aufzusuchen ins Unermessliche steigt.
Aber dies alles sind nachträgliche Betrachtungen, die mich zu diesem Zeitpunkt nicht interessierten.
Mein Interesse war dem jungen Mann gewidmet, den ich noch nie gesehen hatte. Ein weiterer Pilgerer. Der Erste auf unserem Weg. So eine Begegnung war selten genug. Er hieß Schneeweißchen. Über seine Vergangenheit blieben wir uns im Unklaren. Unser Thema blieb immer das Jetzt. Klaudia, die neben mir lag, öffnete auch langsam die Augen, obwohl ich irgendwie merkte dass sie uns schon die ganze Zeit vernahm. Wir beiden warfen uns einen Blick zu als hätten wir uns gemeinsam verschworen beim Auffinden eines geheimen Schatzes. Ohne zu sprechen wussten wir was zu tun war. Wir wollten gemeinsam weitergehen. Zu Dritt würde es einfacher sein als zu Zweit wenn wir Glück hatten. Ich denke Schneeweißchen wollte dasselbe. Obwohl niemand wusste was kommen möge, konnte man doch die alten Erinnerungen und Überlieferungen wie Erspartes zusammenlegen. Unser großer, sprunghafter, neuer Begleiter mit den tiefen Augen funkelte uns aus diesen verschwörerisch an. Am nächsten Morgen sollte es losgehen.