I - die Ankunft
II - Dienstzeit
III - die Abreise

1.Kapitel – Proxima



I – die Ankunft



Und vor uns lag eine Straße. Unendlich in ihrer Länge. Sie war anfangs noch breit, doch wurde sie in der Ferne zu einem Strich, dünn wie eine Nadel, bis sie schließlich gar nicht mehr zu sehen war. Sie mussten wir also gehen. Weder Rechts noch Links erblickten wir auch nur eine Seele. Wir mussten zu zweit alleine wandern. Uns in aller Stille anblickend, erkannten wir darin unsere Straße, unsere Aufgabe. Ohne uns richtig anzublicken, hypnotisierten wir uns gegenseitig. Die Angst vor dem Weg spannte sich um uns wie ein Magnetfeld, dass sich nicht mit Händen greifen ließ. Unsere Blicke wurden fester, wie um uns gegenseitig von der Richtigkeit unserer Maßnahme zu überzeugen. Wir glaubten uns. Also gingen wir los. Die großen Rücksäcke auf den Rücken. Wir liefen und liefen, Tag um Tag und auch viele Nächte hindurch. Zunächst blieb die weite Flur trostlos und leer. Die Wüste lag gähnend um uns herum. Wie ein Loch ohne Boden, so wenig hatte sie ein Ende. Die Hitze wurde nur durch die laue Brise erträglich, die gelegentlich aufkam. Doch irgendwann sahen wir von ferne etwas schwarzes am Horizont aufstehen. Es leuchtete bedrohlich bunt, und war doch finster wie eine Nacht ohne Sterne in den Wäldern. Doch hindurch führte unsere Straße und wir mussten ihr folgen. Dann, ganz unerwartet, stand sie auch schon vor uns – die Stadt. Die schwarzen Wolkenkratzer hoben sich nur schwach vom dunkelblauen Himmel ab. Einige Lichter brannten noch. Es waren nur sehr wenige, die von Neonröhren produziert wurden. Wir standen vor einem Tor dass unsichtbar aber vor allem schwarz war. Ohne Riegel. Das Eschenholz, so stellten wir fest war mit Bedacht gewählt. Es erinnerte an die Weltenesche und verlieh dem Portal die nötige Schwere. Die Schwere die die Armseligen abschreckt. Wer wird wohl schon alles hier Halt gemacht haben? Mit vereinten Kräften schoben wir es auf und durchdrangen es. Es fiel langsam wieder hinter uns zu, und dröhnte dabei noch lang in unseren Ohren – wie eine Bedeutung.
Die Nacht war verlockend für zwei müde Wanderer wie uns. Die Ruhe der Dunkelheit übertrug sich auf uns.
Von der Reise mitgenommen, sanken wir müde ineinander. Die monatelange Reise ohne Unterlass, hatte uns sehr strapaziert, und jetzt im schützenden Mantel einer Metropole wie dieser konnten wir uns endlich zur Ruhe kommen lassen. Uns auf die offene Straße legend, schlossen wir die Augen. Kein Ton drang von irgendwoher. Es schien als wären wir die einzigen schlagenden Herzen in dieser Stadt. Nicht einmal ein Tier dass in der Mülltonne wühlte. So dösten wir. Nach, schwer zu sagen, so 3 Stunden standen wir beide automatisch auf. Damals wussten wir noch nicht, dass sie – also die Stadt – also Proxima – uns bereits gefangen hielt. So schnell sollten wir hier nicht rauskommen. Aber wie gesagt: Noch wussten wir das nicht und waren munter genug, ein paar weitere Schritte der Straße zu gehen. Wir erhoben uns, nahmen unsere schweren Rucksäcke, die uns als Kissen gedient hatten. Wenn ich heute daran denke, dass sie unsere Träume sahen, und wussten was wir ersehnten. Wir ließen also vom Straßenrand aus wieder los, und tauchten immer tiefer in die Stadt.
Wieder liefen wir Tag um Tag und so manche Nacht. Die Sonne nur, die konnten wir nicht sehen. Sie war verdeckt durch die schwarzen Häuser. Es kam mir fast so vor als ob ein Schleier über der Stadt lag.
Dann, eines Nachts, sahen wir ein rotes Licht, ganz entfernt, aber noch mitten in der Stadt. Wir liefen zwangsläufig direkt darauf zu. Und je näher wir kamen, desto mehr Lichter wurden es auch. Grüne, blaue, alle Farben die das Licht annehmen konnte. Und als wir fast davor standen nahmen wir auch Bewegung wahr. Wo Bewegung ist, ist ein Mensch. Das Tote, Stille um uns hatte ein Ende. So dachten wir. Es stieß Lärm hinzu. Der Lärm wurde zu Toben, und die Lichter zu buntem Strahlen. Viele Menschen fuchtelten und liefen, lachten und stolperten herum. Wir durchstießen die Menge. Nicht wirklich unauffällig. Alle bemerkten uns. Als wären wir alte Freunde, so gingen sie mit uns um. Klaudia und ich schauten uns an, und ließen uns setzen. Sie schenkten uns ein gelbliches Gesöff ein, dass nach Meer roch. Es schmeckte tatsächlich wie Salzwasser, mit Alkohol versetzt. Sie gaben uns immer mehr davon. Als wir nein sagten, zwangen sie uns förmlich den Becher zu leeren indem sie unsere Köpfe nahmen, und uns die Suppe einflößten. Klaudia war die erste von uns beiden, die sich losmachen konnte. Ihr Freiheitsdrang war wie immer stärker. Sie zog mich an meiner Hand vom Stuhl und durch die Masse. Unsere Rucksäcke mussten wir zurücklassen. Aus Angst konnten wir nicht noch einmal umkehren. Sie zogen an uns als ginge es um ihr Leben. Sie bettelten wir mögen doch dort bleiben. Es würde schön werden. Klaudia zog immer noch an mir. Ich sah die roten Lippen der Frauen, ihre umrahmten Augen, die üppigen Brüste. Es kam was wohl jeder jetzt erwartet hat. Ich riss mich los. Schaute noch nach hinten. Aber Klaudia war nicht mehr in meinem Blickfeld. Ich geriet in eine Art Taumel. Die Stimmen um mich verdichteten sich. Sie bildeten einen Singsang, rissen mich in ihrer Mitte herum, küssten mich überall und gaben mir mehr uns mehr von dem gelben Saft. Keiner dieser unmenschlichen Menschen hatte einen Namen oder eine Stimme. Alles war eins und gleichzeitig ganz vieles. Sie zogen mich in die Freudenhäuser, wo alte Damen bereits auf mich zu warten schienen. Sie zogen mich an ihre alten, schlaffen Brüste und machten anzügliche Bemerkungen. An keine von ihnen kann ich mich wirklich erinnern.
Nur dass sie mich zu sich aufs Bett zogen und dort verführen wollten. Sie strichen meinen Körper entlang, um mein Portemonnaie zu ertasten und seine Dicke festzustellen. Als sie bemerkten dass ich ohne Geld gekommen war, warfen sie mich unsacht hinaus. Die Erektion die sie erzwangen, war schlagartig verschwunden. Ich hätte nie geglaubt, dass auch ein Mann vergewaltigt werden konnte. Als ich auf den Boden schaute, erkannte ich da im Schlamm etwas dass wie mein Rucksack aussah. Ich nahm es aus dem Dreck. Es war der Rucksack von Klaudia. Da mein eigener auch nach langem Suchen nicht aufzufinden war, beschloss ich mich an Klaudias Sachen zu bedienen. Wir würden uns ja wieder begegnen. Und wer weiß, vielleicht hielt sie ja meinen bereit. Es begann zu regnen., Kein nieseln, dass den Haaransatz platt machte, es schüttete wie aus Eimern. Im Laufe einer halben Minute war ich nass bis auf die Haut. Die Kleidung hing schwer an meinem Körper. Sie zog direkt an mir. Wo sollte ich nun hin? Ich war müde. Mein Rausch war mit dem Rausschmiss sofort verflogen. Und wie ich mich, so umsah, war die Party wohl zu Ende. Kein Mensch mehr auf den Straßen. Nicht einmal die Anzeichen einer Party. Kein Licht brannte mehr, außer die vereinzelten Neon-Lichter in den wolkennahen Hochhäusern. Kein Becher der auf der Straße lag. Nur Regen, und nasse glänzende Straßen die düster von so etwas wie einem Mond beschienen wurden. Ich setzte mich in eine schmale Seitengasse. Unter normalen Umständen hätte ich das für zu gefährlich gehalten. Aber in dieser Stadt war nichts gefährlich, solange es ruhig war. Ich legte mich auf Klaudias Rucksack und ließ mich berieseln. Zu mehr taugte der Regen jetzt nicht mehr. Er war schwächer geworden. Je schwächer der Regen wurde, desto schwerer wurden meine Augen. Ich glaube er hörte in dem Moment auf, in dem ich einschlief.
Als ich aufwachte war es so dunkel wie zu dem Zeitpunkt als ich einschlief. Eine Uhr hatte ich nicht. Ich hatte aber Grund zu der Annahme dass das gelbe Zeug mich den ganzen Tag über schlafen ließ und ich erst jetzt in der Nacht wieder aufgewacht bin. Mein Kopf und jede Faser meines Körpers gaben mir allerdings die Information dass ich seit vier Nächten nicht mehr geschlafen hatte. Auch das wird wohl an dem gelben Zeig gelegen haben. Um ehrlich zu sein, hatte ich das Gefühl nie wieder schlafen zu können. Ich stand also auf. Wobei man meinen Zustand selbst mit viel Toleranz nicht als aufrechtes Stehen bezeichnen konnte. Der Rucksack, der sein Gewicht genau jetzt um das 23-fache vervielfacht zu haben schien, tat das Übrige. Ich bewegte mich nur wenige Meter zur Hauptstraße. Dort sackte ich erneut zusammen. Ein jämmerlicher Anblick muss das gewesen sein. Die nasse Straße beschloss, mir meinen Hintern zu kühlen. Meine Hose ließ die Nässe freundlich ein, die sich über meinen ganzen Körper zog, und die gespannten Nerven noch mehr reizte. Ich konnte gerade die Kälte nicht von Wärme unterscheiden und war deshalb unentschlossen ob ich mir einen Pullover überzeihen sollte. Entschloss mich aber diese schwerwiegende Entscheidung dann zu treffen, wenn ich wusste ob ich fror oder schwitzte. Aufstehen musste ich wohl trotzdem. Ich setzte meinen, also Klaudias Rucksack auf, und ging die Straße weiter. Leider war ich mir nicht schlüssig aus welcher Richtung ich exakt kam. So suchte ich mir eine aus. Während des Laufens kam mir erneut der Gedanke an Klaudia. Ich trabte da so sehr vor mich hin. Meine Schuhe platschten in Pfützen und hielten sie so davon ab mich zu spiegeln. Die riesigen schwarzen Häuser, nein Blöcke ragten um mich herum auf und ließen mich vermutlich wie einen Punkt erscheinen. Ich versuchte zu sehen ob Gardinen an den Fenstern hingen. Aber da war nichts. Die Fenster waren lediglich viereckige Einlassungen die so schwarz waren wie die dreidimensionalen Zementvierecke selbst. So als ob das Glas mit einem Feuerzeug bearbeitet wurde. Ja genau – wie verrußte Fenster. Damit er niemanden sehen konnte? Damit niemand ihn sah? Damit alles gleich aussah? Sie machten sich den Tag dunkel wie Vampire. Ja genau wie Tote, die keine Ruhe finden. Und ich denke das sind sie. Und genau in dem Moment, dachte ich : „Klaudia.“ Ganz einfach. Ich liebte sie. Aber es gab viele Arten von Liebe und ich liebte sie auf alle. Als Mutterfigur, Schwester, Freundin, Geliebte, Nächste. Sie sollte den Weg mit mir gehen. Wie hatte ich vergessen können? Kaum gedacht, bemerkte ich dass meine Füße sehr schwer wurden. Kaum vom Asphalt bekam ich sie jetzt. Es war als ob sie am Boden festklebten. Ich zog mir fast selbst die Schuhe aus, beim Versuch das Bein zu heben, um einen Schritt vor den anderen zu setzen. Meine Schuhe so schien es fast, versanken im Asphalt. Und als ich so nach unten schaute, stellte ich fest, dass ich in schlammigem Erdboden stand. Meine Füße waren bis zu den Knien eingesunken, und es war keine Straße weit und breit zu sehen. Umkehren! Panik ergriff mich. Ich versuchte in die entgegengesetzte Richtung zu rennen. Mit Blick geradeaus und tränenden Augen rannte ich um mein Leben. Was ist das nur für eine Stadt???
Ich spürte zwar keine Bewegung in meinen Beinen, aber die Blöcke kamen an mir vorbeigezogen. Ich bewegte mich also vorwärts.
Meine Beine ließen sich immer weiter heben., bis sie sich wieder normal anfühlten. Ich stand wieder auf fester, sprich: asphaltierter Straße. Was war mit dem Weg passiert? Wieso ist er verschwunden? Wo Asphalt war, war Schlamm – hinter mir. Nur vor mir lag harter Asphalt. Ich ging also in die andere Richtung. Wieder lief ich Tag um Tag, und auch so manche Nacht. Die Straßen blieben tagsüber immer leer. Jede Nacht erblickte ich von ferne Lichter, die bunt zwinkerten. Je näher ich kam desto mehr addierte sich auch die Geräuschkulisse. Ich versuchte diesen Festgesellschaften aus dem Weg zu gehen. Der Rausch des ersten Abends war mir eine schmerzhafte Lehre. Ich beobachtete das Gewimmel immer von fern. Selbst tanzen, und trinken machte bei diesen Menschen laute Geräusche. Diese Zeremonie ging über 2-3 Stunden. Und mit einem Mal – von jetzt auf sofort – war alles still. Die dröhnende Musik stoppte, und die Leute liefen in alle Richtungen auseinander. Einige liefen auch an mir vorbei. Mit gesenktem Blick und Schatten um die Augen. Ihre Schritte wurden stumm, so als ob sie den Asphalt nicht betraten, sondern einige Zentimeter darüber schwebten. Man hörte weder Schlüssel im Schloss, noch sich öffnende Türen die sich auch wieder schlossen. Es war einfach alles still. Einfach still.
Wieder konnte ich weiterwandern. Es schien als ob ich die Stadt nie verlassen würde, so riesig war sie. Von der Hauptstrasse gingen lauter kleine Gassen ab. Jede glich der Anderen. In einer von ihnen, ich könnte nicht mehr sagen welche, schlief ich in der ersten Nacht. Alle Gassen waren dunkel, das Mondlicht drang nie herein. Aber man konnte erkennen, dass die Wolkenkratzer welche die Gassen begrenzten, ihre Türen in diesen kleinen Straßen hatten. Ich blieb eines Nachts einmal stehen und wollte wissen was sich hinter diesen Türen verbirgt. Ich schlenderte in eine Seitenstraße und betrachtete die beiden Türen. Rechts die eine – links, am anderen Gebäude, die andere. Ich entschied mich für die linke Tür. Sie sah ungewöhnlich aus. – für eine Haustür, denn sie war ganz aus Holz. Sie hatte keine Klinke, sondern nur einen Griff, der eine eingravierte Blumenranke enthielt. Kassetten aus Holz waren eingesetzt, und in einwandfreiem Zustand. Keine der Türen waren beschädigt. Nicht einmal ein Kratzer war irgendwo zu sehen. Ich hockte um die Tür genau betrachten zu können. Ich war ziemlich neugierig was sich dahinter wohl verbergen würde. Lauschen war meine erste Maßnahme. Ich wusste ja nicht ob Vorsicht geboten war. Stille! So still wie die Straße, war auch das Innere des Hauses. Ich lehnte mich leicht an die Tür, während ich den Griff der Tür umfasste.
*Klack* Sie öffnete sich sofort. An diesem Ort der Einsamkeit und Abschottung, waren die Türen offen. Wie seltsam. Ich kann nicht sagen warum, aber das kam mir irgendwie zynisch vor.
Dahinter eröffnete sich etwas sehr Erwartetes. Dunkelheit. Die zwei Photonen die schon nur in den Gassen für Licht sorgten, drangen nicht in die Häuser. Dort war alles voll von Nichts und Dunkelheit. Ich packte Klaudias Rucksack aus, und fand ganz unten liegend das Gesuchte, eine Taschenlampe. Zwar knipste ich sie an, fand aber dass sie in dieser dunklen Stadt ihre Leuchtkraft stark eingebüßt hatte. Aber sie spendete doch etwas Licht. Ich funzelte also in den dunklen Flur. Das Licht das immer schwächer zu werden schien, beleuchtete Treppen. Eine links, die nach oben führte, und die Andere rechts, die nach unten führte. Ich leuchtete die linke Treppe an. Der Lichtstrahl wanderte nach oben und spendete unendlich vielen Treppen Licht aber keiner Decke. Immer mehr Treppen führten nach oben. Alles war stockfinster, als ob die Treppen die Dunkelheit enthielten und ausstrahlten während sie das Licht der Taschenlampe aufsogen. Ich funzelte also die rechte Treppe hinunter. Sie war steiler, als die Linke, beinahe halsbrecherisch. Und da war Licht dass dem der Taschenlampe antwortete. Photonen die sich mit denen, welche die Taschenlampe ausstrahlte überlappten. Wenn die Treppe nicht so verdammt dunkel gewesen wäre. Und das Licht nicht so verdammt weit weg. Hunderte Treppen hätte ich in die Finsternis steigen müssen. Jede Stufe etwas dunkler als die Vorige. So entschloss ich mich kehrt zu machen und den Wolkenkratzer zu verlassen. Immerhin wusste ich jetzt, dass es nicht nur Wolkenkratzer in die Höhe, sondern auch in die Tiefe waren. Als ich die Tür öffnete, spürte ich wie sich meine Pupille schlagartig zusammenzog. Das Mondlicht war sonnenhell im Vergleich zum schwarzen Flur. Ich bewegte mich also wieder auf die Hauptstraße. In dem Moment als ich sie betrat, dachte ich wieder an sie :“KLAUDIA“!
Wo mochte sie sein? Allein ging sie fort. Nun, wo der Rausch ganz aus meinem Körper entschwunden war, dachte ich noch einmal über unsere bizarre Trennungsszene nach. Nun war ich sicher dass sie mich enttäuscht anschaute, und in eine Seitenstraße verschwand. Hinter den Köpfen des prallen Lebens, leise in die Dunkelheit untergetaucht. Aber wieso sollte ich mich besser erinnern, je länger das Ereignis vergangen war? Es wird eine Phantasie sein. Eine Hoffnung, nicht zuletzt ihre Hand betrachtet zu haben, als sie der meinen entglitt.
Ich wanderte so weiter die Hauptstraße entlang, total versunken in meinen Gedanken. Den restlichen Weg würde ich wohl allein weitergehen müssen. Obwohl der Weg ohne sie nur schwer vorstellbar ist. Vielleicht hatte ich mir deshalb keine Gedanken um unsere Trennung gemacht. Ich wusste einfach dass sie mich begleiten würde. Sie war doch Ich und mein Gegenteil. Wir ginge zusammen. Ich lief so lang und so andächtig dass ich gar nicht Notiz nahm, vom anbrechenden Morgen. Erst als das Rot mich blendete stellte ich fest, dass ich fast die ganze Nacht unterwegs war. Und als alles so hellrot erleuchtet war, freute ich mich heimlich. Dass ich die Sonne sah, so tief am Himmel hieß nämlich, dass der Stadtdschungel sich lichtete. Die unendlichen Hochhäuser hatten ein Ende. Genau wie meine Kraft. Aber die Freude ließ mich bis zum wirklich letzten Gebäude laufen. Dort sank ich zusammen, blickte apathisch auf den Boden, und sah die große Schranke sich erheben, die der Straße ein Ende machte.
Also sie war nicht wirklich zu Ende. In Wahrheit erstreckte sie sich noch bis zum Horizont, und vermutlich auch noch darüber hinaus. Aber für mich, war vorerst ein Ende erreicht, da ich diese Schranke nicht überschreiten konnte. Und technisch gesehen hätte ich auch das gekonnt. Aber alleine wollte ich hier nicht weitergehen. Klaudia fehlte noch.
An der Schranke klebte ein alter Zettel, zerrissen an allen Seiten, und nur noch an einer Ecke befestigt. Ich erwischte ihn bevor es die aufkommende laue Brise tat. Er flatterte nervös in meinen Händen und wartete dass ich ihn glattstrich und las. Meine tauben Finger bemühten sich deinen Anforderungen zu entsprechen. Ich las:
“ Hier solltest du nicht weitergehn.
Hast noch nicht genug gesehn.
Bis deinen Sinn hier hast gefunden,
solange bist du hier gebunden.“
Ich las den alten Zettel wieder und wieder. Verstandne habe ich ihn da noch nicht. Ich wollte den Zettel in Klaudias Rucksack packen. Aber in eben jenem Moment, war der Wind stärker als ich. Er entriss mir das Papier und es segelte über die Schranke – und legte sich auf den Boden. Ich wollte zunächst hinterhergehen, doch mein Fuß stieß gegen etwas. Es ging nicht weiter. Ich konnte die Schranke nicht überwinden. Da war kein materieller Widerstand. Meine Muskeln arbeiteten einfach nicht mehr, wenn sie in Höhe der Schranke waren. Was ich auch tat. Wieder sank ich zusammen. Ich musste den Weg doch gehen – immer in Bewegung bleiben. Jetzt war ich hier gefangen. Ich wollte diese Stadt doch verlassen. Dazu habe ich sie überhaupt erst betreten. Ich legte meinen Kopf auf den Asphalt, und horchte an der Straße, schloss dabei meine Augen und versuchte zu meditieren. Wohin? Was nun? Vielleicht hatte Klaudia die Stelle passiert und war längst allein weitergereist. Ich konnte auf jeden Fall nicht die Stadt verlassen. So würde ich „seine“ Aufgabe erfüllen müssen. Ich musste meinen Sinn hier finden, verhieß der Zettel. Aber zunächst musste ich schlafen. Solange wie möglich schlafen. Ich gähnte und war auch schon halb im Schlaf. Noch eine Minute und ich würde in seligen, tiefen Schlaf verfallen.
Als ich begann aufzuwachen, spürte ich einen starken Wind, der mein Gesicht peitschte. Ich schaute hoch, und sah schwarze Wolken die nichts gutes verhießen. Der Wind blies mir meine Haare ins schmutzige Gesicht. Ich sollte wohl schnell aufstehen. Das tat ich. Ich flüchtete, mitsamt Rucksack zurück in die Stadt. Auf dem Weg las ich den zerfetzten Zettel mit dem Vierzeiler auf, den der Wind wohl wieder zurückgetragen hatte. Beeilung war jetzt wichtig. Gleich der erste Wolkenkratzer am Rande der Stadt sollte mir Schutz gewähren. Doch die Tür war zu. Ich probierte alle umliegenden Türen. Keine öffnete sich. Und es begann zu gießen. Der Regen ergoss sich heftig über die Stadt. Den Blick zum Himmel gerichtet, erkannte ich dass die schwarzen Wolken den ganzen Himmel füllten. Den ganzen restlichen Tag noch – was auch immer das hieß – würde es regnen. Ich hockte mich in eine Seitengasse, presste meinen Rücken an die Hauswand und versuchte mich mit dem Rucksack vor dem Regen zu schützen. Alles vergebens. Der Wind wechselte die Richtung und regnete mir jetzt direkt ins Gesicht. Ich saß dort Stunden.
Als die Dämmerung ausbrach, erhoffte ich mir ein kleines Nachlassen des Regens, vor allem weil die Wolken die vorbeizogen immer heller wurden. Aber im Gegenteil. Es wurde schlimmer. Als es richtig dunkel wurde, hörte ich plötzlich neben mir an der Tür ein klicken. Nur einmal *klick* und dann wieder Stille, neben dem Regenkrach. Das war das Türschloss. Ich sprang auf die Beine. Ohne den Rucksack auch nur eine Sekunde länger zu beachten, riss ich die Tür auf und rannte in den Block. Ich triefte aus allen Poren. Selbst mein Speichel schmeckte nach Regen und mein Schweiß roch danach. Ich zog meine Jacke aus, und schmiss sie blind in irgendeine Ecke. Ich kauerte mich hin. Das war bei weitem die einsamste Summe von Momenten in meinem Leben. Ich saß da nass, wippte nach vorn und hinten, verschränkte meine Arme, und starrte apathisch ins endlose Dunkel. Keine Klaudia, die mit mir starren würde, oder ihre heilsame Hand auf meinen Kopf legen würde. „Bis dein Sinn hier hast gefunden.“ wiederholte ich leise. Was für einen Sinn? Ich wusste beim besten Willen nicht was ich suchen sollte und wo. Ich versuchte sogar mich zu zwingen es zu wissen. Mein Fuß verkrampfte sich und zeigte mir an dass ich wütend war, es nicht zu schaffen. Keine Klaudia in dieser Stadt. Kein Mensch den man suchen könnte in einer Stadt voller „Zombies“ die nachts zum Tanzen auf die Straße gingen und ihr Leben feierten aber ansonsten fern von Sonnenlicht hinter Beton dahinvegetierten. Flure, Treppen, Gassen und eine Sonne, die keiner sah – alles sah jeden Tag gleich aus. Weil es gleich war. Eine Träne kullerte ganz kurz. Aber sie war kaum zu sehen, da sie sich sofort mit dem Regen auf meinem Gesicht vermischte. Ich ließ mich nach hinten fallen. Die kalte Wand zog noch mehr Mut aus mir heraus. Jetzt sterben – das wär’s. Ich wusste einfach nicht weiter. Was galt es zu tun? Wie kam ich aus einer Stadt aus der ich nicht herauskam? Ich seufzte in dieser Stunde oft. Atmete immer wieder schnell und laut aus, fuhr mir durch die Haare während meine Kleider an mir trockneten. Irgendwann war ich wieder ganz bei mir. Ich bemerkte dass das Trommeln des Regens an die Tür aufgehört hatte. Ich stand auf und streckte meine Fühler wieder nach der Außenwelt aus. Tatsächlich – der Regen war weg. Aber das war nicht das einzige. Der Rucksack von Klaudia war genauso weg. Es war noch Tag und trotzdem musste ihn eine Person weggeschafft haben, die nicht ich war. Ich hatte den Rucksack eigentlich schon vergessen. Aber die große Pfütze die sich in der Gasse gebildet hatte, erinnerte mich an meinen provisorischen Regenschutz. Jetzt musste ich scharf nachdenken. Bei Tageslicht verließ kein Mensch in dieser Stadt seine schwarze Box. Vielleicht ja doch. Vielleicht gab es aber auch noch echte Menschen hier. Oder – ich vermochte kaum es mir vorzustellen – Klaudia selbst hatte sich ihren Rucksack abgeholt. Vielleicht war sie in der Nähe. Vielleicht hatte sie meinen Rucksack. Hundert mal „vielleicht“. Es war doch so: Ich hatte keine Ahnung. Dafür aber eine Idee. Ich umfasste den Griff und drückte die Tür nach innen. Ich schlüpfte wieder in den riesigen schwarzen viereckigen Sarg. Und wendete mich der rechten Treppe zu, die wie in jedem dieser Häuser tief nach unten führte. Und auch hier war es so. Ein Licht – ganz schwach – kaum wahrnehmbar. Es musste viele, viele, viele Stockwerke unter der Erde liegen. Ich machte einen Schritt nach vorn, um das Licht genauer zu betrachten. Sofort riss es mich herunter. Gerade noch so konnte ich mich an einem Betonträger festhalten. Die Treppen waren, wie auch schon im ersten Haus, wo ich das Licht das erste Mal wahrnahm, sehr steil. Zumindest die Stufen der Treppen die nach unten führten. Ich brachte mich wieder in eine aufrechte Position, und versuchte die Treppen hinunterzugelangen. Ich sah rein gar nichts, hatte aber wenigstens ein Geländer, dass mich vor neuerlichen Schrecken bewahren sollte. Es ging aber dummerweise eher langsam voran. Ich hatte nicht das Gefühl dem Licht näherzukommen, wenn ich es von Zeit zu Zeit anschaute. Ich lief und lief, oder besser: ich kletterte und kletterte. Denn das war es. Ich musste mich stark konzentrieren auch wirklich auf jede Stufe zu treten, und nicht daneben. So lief ich stundenlang. Je tiefer ich kam, desto mehr begann ich zu frieren. Anfangs schüttelte ich mich nur ab und zu. Zwar wunderte ich mich wie die Zugluft bis zu mir hinunter gelangen konnte, doch machte mir dies am wenigsten Sorgen, und geriet so in meinen gedanklichen Hintergrund. Und während ich so lief und lief fielen meine pulsierenden Gedanken, die sich langsam regenerierten, wieder auf den Vierzeiler. „Solange bist du hier gebunden.“ Also der Sinn den ich suchen musste, bevor ich gehen konnte. Es handelte sich wohl um eine Art krankes Computerspiel. Bevor ich in das nächste Level eintreten durfte – gesperrt durch die Schranke – musste ich einen „Schlüssel“ finden. Wenn ich da schon gewusst hätte wie recht ich damit hatte, dass es sich um so etwas Ähnliches wie immer schwerer werdende Bewährungsproben handelte – ich hätte kehrt gemacht und wäre lieber ewig in dieser finsteren Stadt geblieben. Aber nun war es zu spät. Ich schaute noch einmal über die Brüstung. Das Licht war nur einen Millimeter näher gekommen. Aber das Strahlen dass von ihm ausging war ungleich heller – ja blendend. Wie brennendes Magnesium leuchtete es. Und zog mich an. Das Licht schien sogar bis über die Brüstung wenn auch nur schwach, weil sie schlicht zu hoch war. Aber so sah ich die Stufen und verdoppelte meine Geschwindigkeit. Ich kam voran. Ich fühlte sogar dass ich mehr als doppelt so schnell vorankam. Und als sich meine Augen, an das schwache Licht gewöhnten, sah ich Türen. Links von der Treppe wo sich das Geländer befand, krallte ich mich fest, und rechts waren Türen. Eine neben der Anderen. Dort wohnten vielleicht diese Schattenmenschen. Ich versuchte eine der Türen zu öffnen. Es ging nicht. Ich war zu gespannt, was es dahinter wohl zu entdecken gab. Ich vermutete dahinter schwarze Würfel mit Betten in denen dunkle Menschen schliefen, und Schränke in denen schwarze Sachen lagen. Letztere natürlich neben den bunten für die allnächtlichen „Ausbrüche“. Kein Licht würde dies alles sichtbar machen. Was war das nur für eine dunkle Stadt? Ich drückte heftiger gegen die Tür, in der Hoffnung sie würde doch noch nachgeben. Aber sie wackelte nicht einmal. Es war als ob sie festgenagelt war, und vermutlich war sie das auch. Ich ging nun schließlich resigniert weiter. In jeder Etage, war eine Tür eingelassen, und daneben ein schwarzes Loch mit Glas – ein sogenanntes Fenster. Es war wie die Außenfenster geschwärzt, vermutlich von innen flambiert worden. Ich berührte mit den Fingerspitzen das Glas. Es fühlte sich irgendwie rau an, irgendwie schon samtig. Aber es war Glas, und es war ein Fenster. Vielleicht eines dieser Dinger die nur von einer Seite durchsichtig waren. Ich konnte es nicht feststellen. Also lief ich weiter. Mein ganzer Weg bestand nur aus Fortbewegung. Deshalb war es umso schwerer für mich einfach mal in dieser Stadt zu stagnieren. Jetzt hatte ich ein seltsames Gefühl im Magen, weil ich laufen durfte, also fortkam, gleichzeitig aber nach wie vor in dieser Stadt war, und sie nicht verlassen konnte, durfte, sollte. An meinem Willen war es jedenfalls nicht gescheitert. Oder vielleicht doch. Ich dachte daran, dass ich mit Klaudia gehen wollte. Aber zuerst musste ich Klaudia finden. Ich ging die letzte kleine Stufe und stand vor dem gleißenden Licht. Dieses eine Fenster war wohl nicht gerußt. Das Licht nahm mir jede Sicht. Ich schloss zwar die Augen, und hielt mir zusätzlich noch die Hand davor, doch trotzdem blendete es mich unwahrscheinlich. Ich tastete mich an die Wand, wo ich eine Tür vermutete. Und ich umfasst sofort die Klinke. Die Tür öffnete sich. Dahinter war allerdings nicht das helle Licht, dass mich anzog, mir einen Teil des Weges zeigte, und mich blendete. Es war ganz leichtes dämmriges Licht. Man konnte geradeso das Innere des Raumes erkennen. Er war nämlich leer. Statt einer Einrichtung sah ich mich einer weiteren Tür gegenüber. An dieser hing ein Zettel. So zerrissen wie der an der Schranke. Ich trat näher und las:“ Diene mir für eine Antwort.“ Ich öffnete die Tür. Dort saß ein uralter Mann. Er sah aus – fast wie ein Skelett – ja als sei er eigentlich schon längst tot. Kein netter Herr blickte mich da aus väterlichen Augen an. Sondern ein verhärmtes Gesicht mit abschreckenden Augen, die meine Anwesenheit nicht zu dulden schienen. Er saß dort in einem langen Gewand, das fast vollständig von seinem weißen Bart verdeckt wurde. Dieser wuchs dort wahrscheinlich seit seiner Geburt und hatte nie eine Schere gesehen. Verfilzt und dreckig war er. Der Mann saß dort im Schneidersitz, während das Licht nur die nötigsten Strukturen seines Gesichtes aufblitzen ließ. Er mutete fast wie Brahma oder Vishnu an, hätte er seine Hand erhoben. Seine Augen, die eben noch geschlossen waren, öffneten sich blitzschnell und sahen mich wieder unverwandt an.
„Ja?“ Das war es was der alte Mensch zuerst zu mir sagte.
„Zuerst, was muss ich tun?“ war meine Antwort.
„Dienen.“
„Wie?“
„Bring mir ein Glas Wasser.“
Ich tat wie mir geheißen. Schöpfte also mit einem alten Becher Wasser aus einer mit jenem gefüllten Schüssel. Ich gab ihm das Ersehnte. Der alte Mann begann zu lächeln. Der zahnlose Mund des Alten kam zum Vorschein. Er begann richtig zu lachen. Kein Ausbruch, aber schon übertrieben. Dann stellte er das Glas ab, von dem er nur kurz nippte, und meinte dass ihm noch keiner ihm einen Wunsch abgeschlagen hätte, weil es der heimliche Wunsch eines jeden sei zu dienen. Darüber konnte man sicher geteilter Meinung sein. Natürlich wollte ich nun meine Frage einfordern. Aber als ich den Brustkorb anhob um zu sprechen, gebot er mir mit der Hand ich solle schweigen.
„Du darfst fragen,“ so sagte er,“ wenn du mir ein Jahr gedient hast.“ Wir fingen gleichzeitig mit Lachen an, wenngleich auch aus unterschiedlichen Gründen. Ich würde ihm kein Jahr dienen. Nein, sicher nicht. Dieser Mensch war einfach zu amüsant.
Der Mann wurde augenblicklich wieder ernst. Er sagte mit versteinerter Miene:
„Wie willst du deine Freundin sonst finden? Willst du in alle Häuser, und die Räume durchsuchen, sofern du hineingelangst. Du könntest nur nachts suchen, wenn alle Türen offen sind. Du bist durch diese Stadt bereits gewandert. Es sind viele, viele, ungezählte Tagesmärsche. Du bräuchtest 100 Jahre, wenn du das so angehen wolltest. So verprasst du nur eines. Welche Zeit ist Klaudia dir wert? Du suchst doch Klaudia wenn ich mich nicht irre? Deshalb bist du doch hier, nicht wahr?“
Als er seinen Monolog beendet hatte, begann ich meinen, der aus genau nur einem Wort bestand. Nämlich :“Verdammt!“ Mir war klar, dass ich für ein Jahr – IHM Untertan sein müsste, um Klaudias Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen. Ich wiederholte im Kopf immer dasselbe Wort. Verdammt! Verdammt! Verdammt! So begann ich ihm zu dienen.


II – Dienstzeit



Der alte Mann stand langsam auf. Er brauchte sehr lange, seine alten Knochen auf die 190-jährigen Beine zu kriegen. 190 – so alt sah er aus. Aber in dieser seltsamen Stadt, könnte es sogar sein dass es kein Alter gab, oder die Menschen schon in jenem geboren wurden. Ich half dem alten Mann weil ich annahm, meine Dienstzeit hätte begonnen. Ich führte ihn auf seine Anweisung hin, in eine Ecke des Raumes, die sich durch eine Tür auszeichnete. Ich öffnete sie, und führte ihn hindurch. Er zündete eine lange Kerze an. Das Zimmer war nun bis zur Kenntlichkeit erhellt. Darin befand sich eine Liege, die knarzte wie sich später herausstellte und eine Schüssel mit Wasser.
„Dies wird dein Zimmer sein. Du wirst heut nacht hier schlafen, genauso wie die nächsten 364 Nächte. Deine Dienstzeit wird morgen früh beginnen. Achte aber auf etwas. Du darfst während des gesamten Jahres nicht sprechen – kein Wort! Glaub nicht, dass es niemand bemerken würde, wenn du es doch heimlich tust. Das ganze Haus wird es hören. Und wenn das passiert, beginnt dein Jahr von Neuem. Du hast sicher bereits gemerkt dass dies eine besondere Stadt ist. Alles was du über sie gehört hast und noch viel mehr ist wahr.“ Dies alles, sagte er, verschwand durch die Tür, und ließ mich allein. Ich setzte mich resigniert auf die Liege. Sie würde mich diese Nacht keine Sekunde Schlaf tanken lassen. Dennoch wollte ich es versuchen. Ich konnte mir nur knapp einen Stoßseufzer verkneifen. Mir war nicht ganz klar ob das erlaubt war, aber ich wollte es nicht ausprobieren. Mein Jahr konnte für mich ja schon jetzt anfangen. Ich zog meine Klamotten aus, die an meinem Körper vollständig getrocknet waren, und auf ihm ein steifes Gefühl hinterließen. Das Wasser nutze ich zur Katzenwäsche die jetzt wohl an der Tagesordnung war. Aber... das Wasser war warm. Jemand musste es für mich gewärmt haben. Jemand musste gewusst haben dass ich kommen würde. Der Alte konnte das kaum allein. Vielleicht gab es ja noch andere Diener. Nun, darüber wollte ich mir vorerst keine Gedanken machen. Es reichte schon aus, dass mein, sich vor Kälte schüttelnder Körper mit warmen Wasser in Berührung kam. Ich zog meine Klamotten wieder an. Ich legte mich sanft auf meine Schlafmöglichkeit obwohl ich wie gesagt nicht mit Schlaf zu rechnen hatte. Na ja, wenige Minuten später flog ich schon ins Traumland. Nicht einmal zugedeckt war ich in diesem feuchten Kellergewölbe. Es wäre übertrieben zu sagen, dass es von der Decke tropfte und Ratten meinen Blick kreuzten. Doch Komfort war wirklich etwas anderes. Aber ich war für wenige Stunden in einer schönen Welt mit Klaudia zu Hause. Das würde wohl für die nächsten 364 Nächte mein Trost und Hoffnungsschimmer werden. Nein, er war es schon. Schon die ganze Zeit. Ich wusste es nur nicht.
Das Aufwachen am nächsten Morgen war hart. Genauer das Aufstehen nach dem Aufwachen. Meine Füße schmerzten wahnsinnig. Das Licht als Ziel, hatte ich gar nicht gemerkt wie anstrengend der Abstieg war. Hinzu kam dass mein 2 Stunden Schlaf nicht als Schlaf bezeichnen konnte. Ich hatte echte Probleme meine Augen offen zu halten und nicht sofort nach dem Aufwachen in Sekundenschlaf zu verfallen. Ich spritzte mir das inzwischen abgekühlte Wasser ins Gesicht. Wach war ich noch nicht, aber in den folgenden Nächten würde ich ja mehr Schlaf haben. Ich trat zur Tür hinaus in den Raum in dem mich der Alte gestern begrüßt hatte. In diesem Moment erinnerte ich mich an die Worte des Greisen am Abend zuvor. Das Schweigegebot. Zum Glück hatte ich es noch nicht aus Versehen gebrochen. Aber so viel Zeit hätte ich ja dadurch nicht verloren. Da ich erst seit diesem Morgen diente. Offiziell. Mein Traum der letzten Nacht hatte mir Mut gemacht. Klaudia versuchte aus dieser verdammten Stadt zu entrinnen. Doch es erging ihr wie mir. Sie konnte Proxima nicht verlassen. Wenn es stimmte hatte ich alle Zeit der Welt in Erfahrung zu bringen, wo sie war. Aber mir ist auch klar geworden dass mein Schweigedienst wohl der kürzeste Weg sein würde. Ich stand allein im Raum, der mir gestern noch bedeutend größer vorkam. Geräusche durchdrangen von außen die Tür. Bis sie die Türen öffneten und in Form des alten Mannes das kleine Zimmer betraten. Die erste Tür war noch offen, und ließ den Blick auf die Dunkelheit frei die sich in Treppen ergoss und der ich erst gestern entkommen bin. Der Mann gebot mir mit der Hand mich zu setzen, winkte dann jedoch ab. Er hieß mich Wasser holen, erklärte mir den Weg zu einem kleinen Brunnen hier in der untersten Etage. Ich verstand ihn nicht ganz, durfte das aber nicht artikulieren. Heute glaube ich dass das ein kleiner Test zu seiner Belustigung sein sollte. Ich stiefelte also zum „Brunnen“. Eigentlich handelte es sich um ein schlammiges Wasserloch. Also „Brunnen“ war nun wirklich ein Kompliment dass es nicht verdient hatte. Ich nahm eine Schüssel, tauchte sie unter, und versuchte dabei so wenig Schlamm wie möglich in die Schüssel zu lassen. Vorsichtig brachte ich das Wasser zurück zu meinem alten Herren. Vor der Tür hielt ich inne. Natürlich hatte er mich kommen hören, aber geholfen hat er mir nicht und darum bitten konnte ich ihn nicht. Ich setzte also das Wasser ab, und öffnete vorsichtig die Tür. In diesem Moment stieß er sie heftig von innen auf. Die Tür warf die Schüssel um, und das Wasser ergoss sich über den Boden. Der Alte blickte mich zornig an. Seine Hand hob sich und suchte heftig mein Gesicht. Sie fand es an der Nase. Ich wurde nach hinten gedrückt. Der Schmerz durchzog meinen ganzen Körper. Wie ein Stromschlag durchfuhr es mich. Ich musste mich hinkauern, und hielt meine Nase. Es half nichts. Ich durfte nichts sagen. Ich durfte nicht einmal schreien. Ich durfte nur in mich hinein weinen über meine gebrochene Nase. Das würde nicht lustig werden. Ich wischte das vergossene Wasser auf und holte frisches. Diesmal hielt er keine überraschenden Schikanen bereit. Er nahm das Wasser an und wusch darin seine Füße. Eine gebrochene Nase eines überflüssigen Fußbades wegen. Während er seine Füße in schlammiger Unschuld wusch, erklärte er mir weitere Regeln. Nicht nur dass ich keinen Ton absondern durfte, ich durfte während des Jahres nicht einmal zurück ans Tageslicht. Ein dunkles Jahr sollte es für mich werden, so versprach er mir. Aber ich hatte bereits eingewilligt, und wenn ich wirklich weitergehen wollte, und dafür war ich schließlich hier, so musste ich auch Opfer in Kauf nehmen. Nun, das war eins. Und wenn es erst einmal Vergangenheit war, würde ich verwundet, aber nicht tot weitergehen. Der Greis hielt mir seine tropfenden Füße ins Gesicht. Ich nahm ein Tuch und trocknete sie. Sie rochen immer noch nach Alter. Danach stand er auf. Unendlich langsam, so als würde bereits das ein Jahr in Anspruch nehmen. Ich brachte das Wasser zu einem Loch im Boden auf das er wies. Es schien keinen Boden zu haben. Aber nichts hier hatte das. Dort kippte ich es also hinein und fragte mich im Stillen ob dieses Loch bereits seit seiner Geburt seine Abwässer aufnehmen musste. Da das Loch bodenlos zu sein schien, konnte ich auch dadurch nicht auf sein Alter schließen.
Der Alte betrat wieder den Raum. Er lächelte. Vermutlich bewunderte er gerade sein Werk in meinem Gesicht. Er hielt etwas in den Händen.
„Dein Vorgänger hat es begonnen und du wirst es weiterführen.“ Es war ein Faden und eine Spindel. Das Spinnrad stellte er mir auch zur Verfügung. „Spinn mir diesen Faden zu Ende.“ Mein Vorgänger war scheinbar eher ein müßiger Geselle. Der Faden, den er spann, war nicht länger als die Strecke von meinem Finger zu meiner Schulter. Und damit war er das ganze Jahr beschäftigt. Schwer zu glauben dass der Alte das geduldet hatte.
„Du wirst noch sehen warum er so kurz ist.“ Also langsam begann ich mich doch ernsthaft zu fragen ob er meine Gedanken lesen konnte. Spinnen konnte ich. Meine Mutter brachte es mir schon als Kind bei. Dies war das Bild meiner Mutter das am meisten präsent war bei mir. Sie am Spinnrad, wie sie melancholisch das Pedal betätigte und sorgsam den Faden zwischen ihren Fingern formte. Ihre Augen schauten dabei ganz liebevoll und sie hatte immer eine Melodie auf den Lippen. Keine die ich lernen konnte, da sie minütlich wechselte, ganz nach ihrem Gutdünken. So saß ich jetzt an einem Spinnrad. Das ich so etwas noch einmal tun würde.... Nun, meine Mutter war lange schon ihren Weg zu Ende gegangen. Ich spann fast den ganzen Tag. Immer wieder unterbrochen durch das Rufen des Uralten, der nach Essen oder Hilfe beim Einkleiden verlangte. Die Spindel war nicht gut bestückt, sogar eher unterdurchschnittlich. Doch ich spann den ganzen Tag und bis in die Nacht hinein damit. Der Faden den ich spann, wurde einfach nicht länger. Es war als ob er sich zusammenzog. Ich dachte ich müsste schon meterweise Faden in meinen aufgerissenen Händen halten. Dem war nicht so. Vielmehr bemerkte ich bei näherem Betrachten dass ich keinen Faden gesponnen hatte. Ich hatte ihn sicher zwischen meinen Fingern gespürt. Irgendetwas musste sie mir ja aufgerissen haben. Das konnte doch keine Einbildung gewesen sein. Um darüber nachzudenken war ich allerdings viel zu müde. Wenn man sich stundenlang auf dasselbe konzentriert, muss das ja so kommen. Ich ging in meine Kammer, die mir noch kleiner vorkam. Das warme Wasser stand bereit. Daneben Balsam der wohl für meine gequälten Werkzeuge bestimmt war. Ich nahm ihn dankbar an. Er tat mir ziemlich gut. Das warme Wasser entspannte meinen steifen Körper. Ansonsten beeilte ich mich lediglich auf meine Liege zu kommen und tiefen Schlaf zu finden. So viel Erholung bot kein Hobby und kein Urlaub. Ich spürte wie sich schon beim hinlegen jede Sehne und jeder Muskel regenerierte. Klaudia!....
Als ich aufwachte, war ich körperlich wieder so gesund wie am Vortag um diese Zeit. Jedoch wusste ich das dies nicht so bleiben würde. Ich zog mich an, und bewegte mich gequält an meinen Arbeitsplatz. Der Tagesablauf war der selbe wie gestern. Hoffentlich musste ich das jetzt nicht jeden verdammten Tag machen – ein ganzes Jahr lang. Obwohl es verdächtig danach roch. Der alte Mann betrat den Raum, befahl mir Wasser zu holen und setzte sich langsam mit verschränkten Beinen auf den Erdboden. Ich brachte das Wasser in seiner Schüssel und kniete mich vor ihn um ihm die Füße zu baden. Doch darauf war er gar nicht aus. Ich sollte mich ihm gegenüber hinsetzen und das Wasser in zwei kleine Schalen füllen. Er nahm sich eine und gab mir die andere. Wir stießen symbolisch an, und tranken einen kleinen Schluck. Die Sandkörner die es trotzdem in das Wasser geschafft hatten, knirschten unangenehm zwischen meinen Zähnen. Dem Alten erging es ebenso denn er versuchte den Sand mit seiner Zunge aus seinem Mund zu vertreiben. Kaum hatte ich das Schälchen gelehrt, scheuchte er mich auch schon wieder auf um meine Aufgaben zu erledigen. Es waren natürlich dieselben wie am Vortag. Ich musste ihm die Füße baden, ihm Essen zubereiten und ansonsten den ganzen Tag spinnen. Auch heute kam wieder kein sichtbarer Faden heraus. Warum eine Arbeit verrichten die ergebnislos bleibt.? Das konnte nur der Greis beantworten. Aber eine andere Frage, war ja wohl viel dringender. So dringend dass ich arbeitete, ohne irgendeinen Gewinn davon zu bekommen. Nicht einmal ein gutes Gefühl würde bleiben. Natürlich sollte ich recht behalten. Jeden Tag musste ich dasselbe tun. Ab und an tranken wir früh gemeinsam eine Schale Wasser. Die Auswahl dieser Tage schien einem bestimmten System zu folgen, welches ich allerdings nicht verstand.
Tage vergingen aus denen Wochen, aus denen Monate wurden. Angefühlt hat sich jeder einzelne Tag wie ein ganzes Jahr. Der Greis war wunderlich. Durch unser enges Zusammenleben konnte ich ihn fast den ganzen Tag beobachten. Und ich war mir fast sicher, er beobachtete mich. Er war den ganzen Tag beschäftigt. Meist mit denselben Dingen. Er hockte über einem Tisch, auf dem Papier verstreut war. Er schien mir zu rechnen. Sich manchmal die Haare raufend, schrieb er permanent irgendwelche Dinge nieder. Als ich ihm Essen machte, konnte ich einmal einen kurzen Blick auf ein Blatt werfen, dass er mit seinem Gehen vom Tisch riss. Ich konnte viele Zahlen erkennen. Sie sagten mir nichts, da die Rechnungen zu kompliziert waren, aber sie standen auf dem Papier. Was mir aber viel mehr auffiel war die Beschaffenheit des Papiers. Es entsprach nicht den säuberlich notierten Zahlen. Es war so zerrissen und dreckig. Wie das Papier das an seiner Tür hing bevor ich eintrat, und das Papier an der Schranke. Im folgenden spielte ich mit dem Gedanken, dass er es dort platziert haben könnte, oder überhaupt tiefer mit der Stadt verwurzelt war als die anderen namenlosen Bewohner. Sie eventuell konstruiert hatte – die Zahlen wären ein Indiz dafür. Nach längerem Erwägen schloss ich diese Möglichkeit als unmöglich aus. Die Ungeheuerlichkeit ließ mich zittern. Was für ein großes Werk das wär. Die Tatsache dass ich hier war. Mein Kopf hatte Schwierigkeiten diesen Gedanken zu bewältigen. Ein Gedanke des alten Mannes wäre dann mein Gefängnis. Mein Nachdenken ging weg von dieser Spur. Vielmehr hat es mich zu dem Punkt gebracht zu glauben dass alle Bewohner dieses Hauses, dieser Stadt so waren wie er, und brütend über Rechnungen ohne Ziel brüteten, um ihren Tag bis zur Nacht zu füllen. Aber sicher wusste ich das auch nicht. Mir wurde auch klar, dass ich nie Notiz davon nahm, wenn mein Meister nachts unsere Räume verließ. Er würde doch – wie alle Bewohner – an den Festivitäten teilnehmen. Die Stufen hoch- und wieder runterklettern. Dieser Mann war wirklich rätselhaft. Er konnte sich doch nur schwerlich vom Boden erheben. Doch gab es nur diesen einen Weg an die Erdoberfläche. Durch die monotonen Tätigkeiten die mir aufgetragen wurden, hatte ich viel Zeit zum stillen Nachdenken. Die Monotonie, sie war genau das, was mich und meinen Meister einte. Sein Leben war durch sie geprägt, und er wollte mich auch zu einem Sklaven ihrer machen. Er war sich bewusst dass sie träge machte, und faul für ein Ziel zu arbeiten. Ich wollte es als Test sehen. Wenn mein Wille nur stark genug war, würde ich keine Angriffsfläche bieten. Anfangs reichte das Nachdenken. Später versuchte ich all mein Wissen in meinem Kopf zu reflektieren und präsent zu halten. Das beschützt vielleicht vor Schwachsinn. Es war eine Herausforderung – mit anderen Worten unmöglich. Aber es half mir geistig rege zu bleiben. Wenn man nur noch spinnt, verkommt man, vor allem wenn kein Austausch stattfindet. Mein Meister wurde auch immer stiller je länger ich dablieb. Die Schweigetests wurden seltener. Die Stille bedeutete für mich keine Entbehrung mehr. Am Anfang war es schwierig dem Bedürfnis nach Kommunikation standzuhalten. Aber nach einiger Zeit war es selbstverständlich geworden. Alles was zu klären war, sofern es so etwas in einem bis zum äußersten routinierten Zusammenleben gab, wurde über Blicke abgewickelt. Wir führten eigenartigerweise Gespräche auf diese Art. Dafür wurde ich sehr schnell sensibel. Wenn ich ihn anblickte wusste ich sofort ob er Hunger hatte, oder was er gerade über den Zahlen brütend dachte. Und wenn sich mir Fragen auftaten, beantwortete er diese sofort. Er wurde dadurch für mich zu einer Vaterfigur. Mein Vater hatte selbst ähnliche Gaben. Er warte mich als Kind immer vorm hinfallen noch bevor es passierte. Natürlich war das gewöhnliche elterliche Vorraussicht, sobald man auf ein Loch oder eine Stufe zusteuerte. Aber ich habe das damals sehr bewundert und meinen Vater dafür sogar etwas geliebt. Eine weitere Gemeinsamkeit waren die Schläge. Immer wenn er einen Fehler machte, wurde er aus Verlegenheit wütend und schlug mich. Ich konnte mich trotzdem nicht von ihm abwenden. Auch hatte ich bei ihm das Gefühl keine besondere Stellung innezuhaben. Ich war irgendein Mensch der durch einen neutralen Zufall dazu bestimmt war ein Stück Weg mit ihm zu gehen. So fühlte ich mich auch bei meinem Meister. Schon das Wort „Meister“. Ich konnte mich nicht erinnern wann ich begonnen hatte ihn in Gedanken so zu nennen. Aber es drückte aus, was ich war. Ein Sklave unter einem Herren. Der Greis bewahrheitete eine alte – ich will einmal sagen – Legende. Man sucht sich im Leben immer Personen aus, die Vater oder Mutter ähneln.
Je weniger mir die Schläge des Alten ausmachten, desto heftiger wurden sie. Auch die Tests. Ich durfte das Wasser nicht mehr aus dem Sickerquell holen. Ich musste tagsüber die Treppen hinauf, bis zum Erdgeschoss. Dort musste ich Schüsseln aufstellen, dort wo es reinregnete, um diese am nächsten Tag wieder abzuholen. Nach einem Marsch hatte ich immer furchtbare Muskelschmerzen. Und dennoch prügelte mich der Alte am nächsten Tag dieselbe Strecke entlang. Mein sonstiges Pensum war dasselbe. In der Regenzeit bekam ich also kaum Schlaf. Das Spinnen war langsam weniger schmerzhaft. Während ich mir anfangs immer die Finger aufschnitt hatte sich inzwischen eine dicke Hornhaut gebildet. Und das Spinnen war auch nicht mehr ergebnislos. Nach und nach bildete sich so etwas wie ein Faden heraus. Millimeter für Millimeter entstand er. Für eine Woche Arbeit, wurde ich mit ungefähr einem Millimeter belohnt. Inzwischen bewunderte ich meinen Vorgänger für seine Arbeit. Von den Fingerspitzen bis zur Schulter – das war verdammt viel. Ich war mir nicht sicher ob ich das erreichen würde. Es war so frustrierend wenn man an etwas so lang arbeitete, aber einfach keine Lorbeeren in Sicht waren. Es gab Tage da war ich so motiviert etwas zu leisten. Ich hatte richtig Spaß daran, etwas zu tun. Was hätte ich auch sonst hier unten in der Dunkelheit anstellen sollen. Das Leben hier war betäubend. Ich hatte Angst so lethargisch und dunkelgrau zu werden wie die Menschen die diese Stadt bewohnten. Vielleicht kamen sie auch einmal hierher wie ich, um ihren Weg zu Ende zu gehen. Und dieser führte nun einmal durch Proxima. Vielleicht waren sie auch zu zweit, wurden getrennt, und anschließend zwei neue Bewohner dieser Stadt. Der Greis war sich wohl inzwischen sicher dass es mir ernst war und ich nicht weglaufen würde. Er teilte mir jedenfalls eine dieser schwarzen Kisten als Wohnung zu. Ein schwarzer Schlüssel verschaffte mir Zugang. Eine Treppe über dem Alten war ich nun eingesperrt. Die Wohnungen waren noch deprimierender als ich es mir vorzustellen wagte. Das geschwärzte Fenster weckte in mir das Gefühl jetzt ein Bewohner dieser Stadt zu sein. Überhaupt glaube ich, war das lediglich eine Maßnahme zur Integration. Ich saß in den Nächten lange wach – in einer Ecke – und zählte die Tage bis zu meiner Frage, und damit meiner Abreise. Es waren erst nur noch 2 Monate, dann 1 Monat und jetzt hatte ich lediglich noch eine Woche vor mir. Aber diese Nacht war anders. Ich kam nicht dazu stumm in meiner Ecke zu hocken. Der Meister nahm mich mit an die Oberfläche. Wir stiegen gemeinsam die Stufen hoch. Er war erstaunlich beweglich geworden. Kaum gedacht, grinste er mich böse an. So hilflos war er nicht. Auf dem Weg erzählte er von sich. Um alles zu hören musste ich mich ganz schön beeilen. Der alte Mann – ich erfuhr dass er 123 war, lief ziemlich schnell. Er erzählte wie er in diese Stadt gelangt ist. Wie ich erwartete, kam er nicht allein hierher. Sein bester Freund begleitete ihn. Er sah ihn nie wieder. Das beunruhigte mich doch ziemlich. Er wollte ihn sicherlich wiederfinden. Er diente sicherlich auch. Warum hatte er sein Ziel nicht erreicht? Der alte Mann schaute mich nicht an. Vermutlich weil er mein fragendes Gesicht gesehen hatte. Wenn man aus dieser Stadt will, erklärte er mir, wäre das eine Frage des Willens – bei beiden. Ich würde schon noch sehen was er meinte. Ich überlegte ihm am Gewand zu ziehen um ihm mein fragendes Gesicht entgegenzustrecken, ließ es aber sein. Ich hätte vermutlich keine Antwort bekommen. Den alten Mann schien das Thema tief zu treffen. Ich sah seine ehrliche Traurigkeit, an seiner Haltung die immer gebückter wurde. Wir waren inzwischen oben angelangt. Seine Haltung besserte sich schlagartig wieder, und er begann zu lächeln. Er stieß heftig die Tür auf, so als ob er wütend sei. Durch die langen Monate in fast absoluter Dunkelheit, war ich durch den Mond so stark geblendet, dass ich mich fast abwenden musste. Ich ging kurz zurück ins Haus. Das konnte kaum sein. War es so dunkel gewesen in meinem Gefängnis, oder war die Nacht seit Neuestem taghell. Ich gewöhnte mich nur sehr langsam an die helle Nacht. Mein Meister zog mich aus Ungeduld aus dem Haus und zerrte mich zur Hauptstraße. Dort hörte ich den Tumult. Wenn ich ihn auch nicht sah. Ich war fast wie erblindet. Wir kamen dem Krach näher. Die trampelnden Füße, die Tänze formten, ließen den Boden leicht vibrieren. Wir ginge direkt hinein, in die aufbrausende Menge. Ich hörte plötzlich eine vertraute Stimme, oder glaubte sie zu hören. Sie sagte meinen Namen, den ich beinahe schon vergessen hatte. Die Stimme – mit der ging es mir ähnlich. Sie musste wohl aus meiner Vergangenheit stammen. Der Geruch der mich umgab, diese Stimme, alles war so bekannt. Woher nur? Ich versuchte meine wunden Augen zu öffnen. Aber die bunten Lichter überall machten es mir unmöglich etwas zu sehen. Ich konnte meine Sehorgane höchstens eine Sekunde offen halten, und dabei verschwamm alles. Das Licht ließ meine Augen tränen. Die Stimme rief mich noch einmal. Der alte Mensch der mein Meister war, musste sie wohl vernommen haben. Er zog mich in eine andere Richtung. Der Geruch und die Stimme rückten immer weiter weg und ließen mich dann ganz los. Die Menschen um mich herum rempelten mich an. Einige drückten mir seltsame Sachen in die Hand, die sich nach genauerem Betasten als gefüllte Trinkgefäße herausstellten. Ich kippte alles weg, was man mir gab. Je betrunkener ich war, desto lustiger und freundlicher waren auch die Menschen um mich herum. Langsam konnte ich meine Augen einen Spalt öffnen. Immer noch war alles verschwommen, aber es reichte zur Koordination. Ich fühlte mich am Anfang wie im Auge eines Wirbelsturms. Nun, wurde ich direkt hineingesogen. Die tanzende Masse nahm mich besoffenes Etwas in sich auf. Die ganzen Farben und Formen rasten nur so an mir vorbei. Die Frauen tanzten mit mir. Sie kokettierten mit ihren üppigen Formen. Ich bewegte mich, und alle Frauen im Umkreis reagierten darauf. Kurz warf ich einen Blick auf meinen Meister. Er saß mit einigen anderen alten Menschen am Rand und zog angestrengt an einer Pfeife. Seltsam – als ich in dieser Stadt ankam sah ich gar keine alten Menschen. Alle waren jung und schön. Die Macht der Verdrängung? Aber kaum hatte ich die Gruppe alter Menschen erblickt nahm ein junges Mädchen meinen Kopf und riss ihn herum. Ich erschrak. Sie ähnelte Klaudia zum Verwechseln. Ihre laute, ruppige Stimme war nicht die von Klaudia, und auch ihr Moschusgeruch lenkte mich eher von Klaudia ab als dass er mich an sie erinnerte. Aber das Gesicht..... Mir fiel plötzlich wieder ein wem der Geruch und die Stimme bei meiner Ankunft hier gehörten. Sie musste jetzt hier sein, irgendwo auf diesem Fest. Von einer Sekunde auf die andere war ich nüchtern. Aber meine Blicke suchten vergebens, solange sie suchen durften. Denn nach einigen Minuten wurden alle unruhig. So als ob sie bemerkt hatten, dass ihr Ablenkungsmanöver nicht mehr funktionierte. Die Reihen wurden immer dichter. Alle schienen sich um mich zu sammeln. Und je verzweifelter ich versuchte mich durch den Menschenwald zu schlagen desto undurchdringlicher wurde er. Ich hatte sie ja gar nicht im Blick. Ich wusste gar nicht wo ich zuerst nach ihr suchen sollte. Mein Meister, der inzwischen wohl informiert wurde, nahm mich an die Hand und führte mich in eine Gasse, welche sich als die Gasse zu unserem Haus herausstellte. Auch die anderen Menschen brachen auf. Sie gingen in kleinen Gruppen stumm an unserer Gasse vorbei und auf ihre Häuser zu. Jedoch waren meine Sinne so weit geschärft dass ich ihre Schritte auf dem Asphalt hörte und wie die Türen ins Schloss fielen. Ich war beinahe einer von ihnen. Aber der Gedanke an die Straße, die hinter der Schranke weiterführte, und der Gedanke an meine Klaudia ließ mich die kleine schwarze Wohnung verachten. Nur noch eine knappe Woche. Nicht mehr. Dann würde ich Klaudia finden und wir würden weitergehen. Ein hartes Jahr lag fast schon hinter mir. Ich und mein Meister betraten also unser Haus. Wir gingen schweigend nebeneinander die Treppe hinunter.
Als wir so nebeneinander hertrotteten wurde der Alkohol in meinem Blut wieder aktiv. Ich fühlte mich so einsam. Fast wie damals vor einem Jahr als ich im Erdgeschoss saß um mich vor dem Regen zu schützen. Wir trennten uns an meiner Wohnung. Ich hörte ihn noch die Treppen hinuntersteigen als ich die Tür zufallen ließ. Jetzt musste ich genau aufpassen. Ich musste so sehr weinen. Und nach diesem Jahr war es mehr als nur angebracht. Kein Geräusch durfte ich dabei von mir geben. Die Tränen ließ ich einfach zu. Sie liefen in Strömen über mein Gesicht und machten meine Wangen warm. Alles wurde nass – meine Hände genauso wie meine Klamotten mit denen ich sie zu trocknen versuchte. Sie waren Ausdruck meiner ehrlichen Schwermütigkeit weil ich Klaudia in meiner Nähe brauchte. Gleichzeitig war ich glücklich das Jahr fast hinter mich gebracht zu haben. Seit sie der Nacht hatte ich das aufdringliche Gefühl dass sich das Verhalten meines Meisters mir gegenüber veränderte. Er behandelte mich nicht mehr so grob, ja er war fast einladend. Wir tranken gemeinsam schlammiges Wasser. Die Regenzeit war vorbei – ich musste also nicht mehr die Treppen emporsteigen. Mein Faden war fast so lang wie ich groß war – na ja vielleicht ohne Kopf. Wir gingen in der letzten Woche jede Nacht an die Oberfläche. Es wurde lustiger von Nacht zu Nacht. Wir tanzten ausgelassen, und tranken reichlich. Wie viel wir gemeinsam lachten, unglaublich. Doch jedes Mal wenn die Party beendet war fühlte ich mich so elend. Nicht weil niemand bei mir war, sondern weil Klaudia nicht bei mir war. Meiner Schwester ging es früher ebenso wie mir. Sie trank sehr viel um zu überwinden dass sie allein war. Es gelang ihr nicht. Sie starb vor vielen Jahren schon an einer Alkoholvergiftung. Ich erinnere mich an die Abende und Nächte in denen ich versuchte ihren Zustand vor den Eltern zu verstecken. Wir saßen dann meist in ihrem Zimmer und lagen uns in den Armen. Sie freute sich und übergab sich während ich Höllenqualen durchlitt. Aber auch wenn ich eigentlich nicht so viel Kraft hatte wie sie von mir verlangte, war es doch immer ein Trost für sie mich bei sich zu haben. Und das wusste ich auch. Warum war ich dann allein wenn ich Gesellschaft am nötigsten brauchte? Wieso hatte ich Trost gespendet, wenn es für mich keinen gab? Fragen die ich mir stellte und die ich einfach nicht beantworten konnte. Wahrscheinlich hätte Klaudia es gekonnt, aber auch die hatte meine Hand einst auf dem Fest losgelassen. Das war doch ein Zeichen. Das war das Äquivalent zu unserem Zusammenfinden. Wir trafen uns in einer großen Menschenmenge. Lauter anonyme Stadtmonster – so wie hier – nun ja doch ein bisschen anders. Alles war anders vor unserem Aufbruch. Wir sahen uns, und versuchten uns unauffällig einander zu nähern. Als wir nebeneinander standen nahm sie einfach meine Hand. Ich war so beeindruckt, dass ich gar nicht erst daran dachte meine Hand von ihr wegzuziehen oder gar meinen Blick von ihr abzuwenden. So sind wir zusammengekommen ohne auch nur ein Wort miteinander gesprochen zu haben. Diese Episoden aus glücklicheren Tagen gingen mir4 nachts durch den Kopf. Sie deprimierten mich ziemlich. Es ist ziemlich verletzend zu sehen wie dies alles zerfallen kann. Irgendwann beginnt man, fast schon aus Trotz, zu denken dass wahrscheinlich alle lieben Worte und Gesten nicht so gemeint waren wie man sie begriffen hat. Quälende Gedanken wenn man diese Menschen liebt oder geliebt hat, und erniedrigend für einen selber. Wahrscheinlich war es deshalb dass ich mich immer auf die nächtlichen Besäufnisse freute. Die stummen Anonymen würden mir keine Emotionen abverlangen, und ich keine von ihnen. Es war eine nötige Unterhaltung und ein sehr nötiger Gegensatz zur stupiden Arbeit am Spinnrad. Abend für Abend ließ ich mich treiben. Ließ die Verräter der Vergangenheit hinter mir und ersäufte sie in dieser ekligen, gelben Alkoholbrühe. Jeden Abend andere Frauen, und andere Tänze. Das ein oder andere Mal, gingen die Bekanntschaften in einer dunklen Gasse über ein kleines Tänzchen hinaus. Meist stand man dort neben einem Dutzend anderer Pärchen die sich nur für diesen Abend gefunden hatten. Einige von ihnen für enttäuschende 5 Minuten, um dann wieder in die Menge einzutauchen. Ich musste mich einfach betäuben. Mein Meister schien es gerne zu sehen. Er lächelte jetzt jedes Mal wenn wir wieder den Abstieg in unsere Wohnungen wagten. Das nächtliche Weinen hörte auf und wich tiefem wohltuendem Schlaf mit reichlich Träumen. Die Nächte verflogen. Meine Depression wich. Eines Nachts als wir – ich und mein Meister – wieder feiern gingen, und gerade die Feiergesellschaft erreichten, hörte ich wieder jene seltsam vertraute Stimme. Sie kam mir so bekannt vor. Ich dachte wirklich angestrengt nach – blieb sogar stehen. Schon wieder hörte ich jemanden rufen. Ich verstand zwar nicht was sie rief, aber irgendwie durchströmte es mich. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Ich blieb vor der Feiergemeinde stehen, machte kehrt, und lief zurück ins Haus. Mein Dienst war um. Er war um. Ich rannte um meine Sachen zu holen. Vermutlich wäre es schlauer gewesen zuerst der Stimme zu folgen – so hätte ich wahrscheinlich Klaudia gefunden. Ich wusste wieder alles. Was jemand da rief war mein Name gewesen, den ich vergessen hatte. Ich hatte ihn abgelegt um ab diesem Zeitpunkt ein Anonymer zu sein der keinen Namen braucht, weil ihn niemand anredet. Ich rannte als ginge es um mein Leben. Bei genauerer Betrachtung ging es eigentlich auch genau darum. Das war es was Bewohner dieser Stadt von Menschen trennt. Trotz meiner Enttäuschung, brauchte ich nur Klaudias Stimme zu hören, und ich rannte wieder zu ihr. Ich war an meiner Wohnung angelangt, rannte fast die Tür ein so euphorisch war ich, und holte all meine angesammelten Sachen heraus. Ich nahm sie mit, eine weitere Etage nach unten, und öffnete die Tür meines ehemaligen Meisters. Er saß dort schon als hätte er mich erwartet. Er lächelte mich unverschämt an. Aggressiv forderte ich meine Frage ein.
„Du wärst fast einer von uns geworden.“
„Das war nicht mein Ziel.“
„Deine Dienstzeit ist schon seit 4 Wochen um. Das heißt...“
„Meine Frage ist...“ unterbrach ich ihn...“Wo ist Klaudia?“
Er beschrieb mir das Haus in dem sie sich aufhalten sollte. Der Gedanke dass er es die ganze Zeit wusste, die Antwort, und mich nur schweigen und arbeiten ließ. Dieser Mann, nicht die Schranke war es die mich von meinem weiteren Weg abhielt. Ich ging auf ihn zu. Ich ging hastig auf meine Vergangenheit zu, und versuchte sie zu eliminieren. Gerade als ich dachte ich hätte es geschafft – sie regungslos dalag mit dicken Würgemahlen am Hals – stand sie auch schon wieder auf und lachte mich aus, ob des törichten Versuchs ihrer Ermordung. Meine 123-jährige Geschichte saß in diesem dunklen Raum in einer riesigen Stadt, fast unauffindbar, und war fest verschlossen. Das sollte reichen – so dachte ich – und ging. Ich raste zur Oberfläche, um mit Klaudia gleich den Weg hinaus aus dieser Stadt zu finden. Wie viele sind hier geblieben und haben keinen Weg gefunden? Die Masse dieser Stadt ist Zeuge. So viele Menschen die taub und blind sind. Ich habe Mitleid für diesen Mangel an Willen. Fast wär ich einer von ihnen geworden.


III – die Abreise




Als ich an der Hauptstraße ankam, war die Party bereits gelaufen. Wieder einmal keine Menschenseele die meine Freude mit mir hätte teilen können. Aber mein glücklicher Schritt machte freudigen Krach auf dem Asphalt. Ich ging dem Stadtanfang entgegen. Ich wusste ja heute genau wie weit ich mich bewegen durfte. Ich war damals fälschlicherweise einen Weg gegangen den ich schon beschritten hatte. Die Stadt verhinderte lediglich dass ich wieder zum Ausgangspunkt zurücklief. Zurück ging es nie – das hatte ich begriffen. Ich wanderte die Straße entlang, in freudiger Erwartung Klaudia wieder mit mir nehmen zu können. Das Jahr der Trennung wurde in seinen letzten Stunden am unerträglichsten. Ich begann zu rennen, obwohl mich das nicht wirklich schneller machte. In Gedanken hatte ich diese Stadt der Toten schon hinter mir gelassen und vergessen. In Gedanken sahen ich und Klaudia wieder eine richtige strahlende Sonne. In Gedanken war ich schon bei der nächsten Etappe. Die Prüfungen waren ja noch nicht vorbei, obwohl ich schon diese nur knapp bestand. Während dieser Gedanken trat ich dem Haus gegenüber das Klaudia beherbergte. Hinter einer dieser Fenster würde sie wahrscheinlich schlafen. Ich war bis aufs Äußerste gespannt, was sie mit sich getan hatte. Ob sie anders war? Ob wir noch zusammen gehen konnten? So ging ich also ins Haus um meinen Sinn zu suchen. Ich war fast ein bisschen enttäuscht dass ihr Zuhause ebenfalls so dunkel war wie mein. Ich tastete mich sichtlos durch den Flur und ergriff ein Geländer. Es führte nach oben. Folglich war es die linke Treppe. Kurz hatte ich jegliche Orientierung verloren. Ich schaute nach oben, wo mich eine gähnende Leere anstarrte, die sich über absolute Stille profilierte. Ich tastete also nach dem rechten Geländer, fand es, blickte die Treppe hinab und erspähte das erwartete Licht. Hier würde sie sein. Mein Adrenalinausstoß wurde ungesund – so viel spürte ich. Ich sprang die Stufen herunter. Nach einem Jahr kennt man die genaue Größe dieser Stufen, die überall gleich waren. Man spürte schon fast wie sie aussahen. Das Licht kam schneller als erwartet näher. Ganz gleich waren die Häuser wohl doch nicht aufgebaut. Denn der Raum war mitten in den Tiefetagen gelegen. Ich öffnete vorsichtig die Tür. Ein Meister kniete dort auf dem Fußboden. Um ihn herum seine Diener. Dieser hielt sich wohl mehrere. Ich atmete lauter, sodass der Meister mich bemerkte. Er wies mir einen Platz neben sich zu. Ich setzte mich. Fordernd schaute er mich an, und durchbohrte mich fast mit diesem Blick. Ich wusste was er bedeutete. Ich nahm einen Becher und füllte ihn in der Schüssel mit Wasser auf. Diesen Becher reichte ich ihm mit einem kurzen Nicken.
„Du warst also ein Schüler. Was führt dich dann hierher?“
„Klaudia“
„Ich will dir antworten.“
So erfuhr ich dass auch Klaudia einen Meister hatte. Jener saß in genau diesem Moment vor mir. Sie hätte sich jedoch für ein Leben in Ruhe und Geborgenheit entschieden. Das wollte ich nicht glauben. Klaudia war ein sehr freier Mensch, niemals wäre sie freiwillig in dieses Gefängnis gegangen. Der Meister vertrieb seine Schüler und unterhielt sich lange mit mir. Er klärte mich darüber auf, dass jeder Weg dort endete, wo wir hinwollten, aber das die Wenigsten dies schaffen würden. Jeder Lebensweg ging hinter der Schranke weiter, aber nur rare Menschen gingen dieses Stück auch. Proxima, so führte der Weise aus, war der größte Wunsch ihrer Bewohner – und seiner Meinung nach aller Menschen. Sie verkörperte die absolute Sicherheit. Man wusste was man wann tat. Man war beschäftigt, hatte Gelegenheit ruhig nachzudenken und gleichzeitig die Gesellschaft anderer Gleicher zu genießen. In jedem Herzen gab es diesen Wusch. In manchen waren nur andere Wünsche stärker. Mir fiel ein wie riesig diese Stadt war. Ich brauchte Tage um sie zu durchwandern. Diese riesigen Bauten, die am Rand standen.... – der Gedanke an all diese Menschen, machte mein Herz richtig schwer. Sie konnten nie mehr zu ihrem Ziel gelangen, was immer das auch sein mochte. Was für ein Glück ich hatte keiner von ihnen zu sein. Doch musste ich aufpassen. Vielleicht war es Taktik dass ich mich besonders fühlen sollte. Ich bat ihn mich zu Klaudia zu führen. Wir gingen also einige Etagen hinab. In all diesen Zimmern, mussten andere Schüler von ihm leben. War jeder Bewohner – jeder richtige Bewohner – ein Meister? Diese ganzen Türen. Verbargen sich dahinter glückliche oder betäubte Menschen? Das war manchmal schwer auseinander zuhalten. Auch für einen Außenstehenden. Nach ein paar Treppen hielt er inne, und wies auf eine Tür. Danach huschte er sofort wieder an mir vorbei und stieg die Treppen empor. Ich stand verlassen vor der Tür, die der meinen damals zum Verwechseln glich. Ich spürte gar nicht wie meine Hand schon ausfuhr und das kalte Etwas berührte, das sich als Klinke herausstellte. Die Tür war offen noch ehe ich bereit dazu war. Klaudia saß wie eine Katze auf ihrem Bett. Sie funkelte mich aus trüben, schwach leuchtenden Augen an. Trotzdem war ihr Blick gespannt, ja erwartend. Ich bekam das beklemmende Gefühl dass es nur eines Wortes bedurfte, und sie mich wie ein Raubtier anfallen würde. Vorgenommen hatte ich mir viel, aber ausgeführt davon gar nichts. Ich ging auf Klaudia zu. Erst einen Schritt, und als darauf keine Reaktion erfolgte, weitere auf sie zu. Sie bewegte sich nicht viel. Und die Bewegungen die ich sah waren vermutlich eingebildet. Ich setzte mich neben sie aufs Bett. Es muss fast wie ein Kunstwerk ausgesehen haben. Ein Raubtier dass angriffsbereit im Profil zu sehen war, und davor ein verzweifelter kleiner Mensch. Durch die Matratze hindurch merkte ich dass jede Sehne ihres Körpers aufs Äußerste gespannt war.
„Klaudia?“ Ihr Kopf wendete sich mir zu, wie ich hörte. „Komm mit mir.“
„Heut abend sind die Festivitäten.“ antwortete sie. Wie konnte sie nur so sein? Hatte sie mir nicht neulich noch zugerufen auf einer dieser Gesellschaften und mich damit wachgerüttelt? Ich war vor den Kopf gestoßen. Ohne Klaudia konnte ich die Stadt nicht verlassen. Ja, ich will da ehrlich sein. Das dachte ich in diesem Augenblick. Im folgenden dachte ich gar nichts mehr. Damit hätte ich überhaupt nicht gerechnet. Als ich dort so nachdenkend saß, überlegte ich mir folgendes: Man könnte dieser toten Stadt nur mit Leben beikommen. Der Kälte mit Wärme begegnen. Ich sollte also auf meinen Instinkt hören. Von ganzem Herzen lächelnd drehte ich mich zu meiner Mietze und presste sie an mich. Ihr den Kopf streichelnd, flüsterte ich ihr ins Ohr dass wir weiter müssten. In diesem Moment liebte ich sie so sehr dass ich sie am liebsten mit mir mitgerissen hätte. Oder nein, ich liebte sie sogar so sehr dass ich dies nicht tat, und die Zeit aufwand sie zu beruhigen und mit ihr zu sprechen. Während diesem inneren Gefühlsausbruch bemerkte ich wie ihre Hände mich umfassten und sich an meinem Rücken miteinander verbanden. Sie nahm mich in die Arme. Es konnte noch nicht alles verloren sein. Ich wollte sie auffordern ihre Sachen zu nehmen, und mit mir aufzubrechen. Doch noch bevor ich Luft holen konnte, eröffnete sie mir dass sie nicht mit mir kommen könne. Egal was sie anführen würde, es wäre kein Grund. Sie fühlte sich in dieser Stadt heimisch. Sie wartete jeden Abend gespannt auf die Parties, die sie den Tag vergessen ließen, um tagsüber wiederum die Party der letzten Nacht zu verdrängen.
Sie sah mich vor einigen Wochen bei 2 dieser Festivitäten. Sie beschrieb mir die Situation haarklein wie sie war, und fügte tieftraurig hinzu, dass ich sie nicht zu hören schien. Enttäuscht ging sie also zurück in ihre Gasse, zurück in ihr Haus. Ihr Meister war ganz anders als der Meine. Sie durfte sprechen, und hatte viel Kontakt zu anderen Schülern. Jedoch wurde sehr viel meditiert. Und genau in dieser Zeit der inneren Einkehr war es, dass sie beschloss in Sicherheit zu bleiben. Sicherheit die darin besteht, immer dieselben Sachen zu tun, ist immer die trügerischste. Ich musste jetzt sehr genau überlegen was zu tun war. Ohne Klaudia konnte ich die Straße nicht weitergehen. Aber das konnte ich ihr nicht sagen. Pflichtbewusstsein ist keine gute Motivation. Ich versuchte ihr nur zu sagen wie wichtig es für uns wäre, den Weg zu Ende zu gehen. Aber sie war nicht von dem Gedanken abzubringen dass dies bereits die Endstation sei, und alles weitere lediglich Irreführung. Wir legten uns zusammen auf ihr Bett.
Als wir am nächsten Morgen aufwachten stand genau neben mir, am Rande des Bettgestells noch ein Zweites. Der Meister ließ es wohl hinstellen, und er hatte recht damit. Wo Klaudia war, da war ich auch, und das nicht bloß weil ich nicht anders konnte. Als ich sie am Abend so in den Armen hielt, so armselig das klingt, wurde es mir in der Sekunde klar in der wir beide einschliefen. Ich stand auf, und legte mich in mein Bett hinüber. Es war wirklich ausgesprochen wenig Platz. Klaudia weckte ich mit meinem Unterfangen leider auch auf. Sie zeigte müde auf eine Ecke des Zimmers. Sie konnte nicht einmal ihren Finger durchstrecken, so erschöpft war sie. Sie schlief sofort wieder ein. Und ich schaute in die ausgewiesene Ecke. Schau mal einer an. Rucksäcke in trauter Zweisamkeit. Einer von ihnen schwer lädiert. Es war wohl Klaudias Exemplar dass meine Eskapaden mitmachen musste und bereits in vielen Pfützen lag. Sie murmelte:
„Ich hatte mir deswegen um dich Sorgen gemacht. Du, ohne Rucksack meine ich.“ Dann fiel sie wieder in leichten Schlaf, den sie den halben Tag durchhielt. Während ich auf der Bettkante saß, und grübelte wie es weitergehen sollte. Ich machte eine mittlere Bestandsaufnahme. Einem von uns reichte dieses Leben hier nicht. Der eine konnte aber ohne den anderen nicht zur „letzten Station“. Beisammenbleiben wollten wir. Wenigstens wurde Klaudias Gefühl für mich nicht betäubt. Ich wollte meinen Kopf gerade nur noch an einer Wand zerschmettern. Permanent atmete ich laut und tief aus. Ein Seufzer ist manchmal wirklich mehr als man so glaubt. Eine Entscheidungssituation baute sich vor mir auf, von der ich geglaubt hatte, ihr längst entflohen zu sein. Aber mein Kopf sagte mir, dass es die Entscheidung erst noch zu treffen galt. Ich musste wohl das tun, was ich immer in so einer Situation tat. Flüchten. Ich verschob die Entscheidung. Wir würden hier erst einmal leben können. Der Weg rannte uns ja nicht weg, so glaubte ich. Eine Pause wäre vielleicht genau jetzt ganz günstig. Mein Rücken schmerzte schon vom Leben. So lebten wir jeden Tag aufs Neue. Wir erzählten was wir zu erzählen hatten, was wir verpasst hatten im Leben des Anderen, was wir vergessen hatten in all den Tagen. Wir gingen nachts feiern, und wir beschäftigten uns tagsüber mit Dingen mit denen sich der Meister beschäftigte. Natürlich stellte ich irgendwann fest, dass meine Geduld dafür aufgebraucht war. Dieselben trägen Tätigkeiten, die einem den Verstand schwammig machen für Schönes, dafür aber die Sinne schärfer für hässliche kleine Sachen. Man hörte, wenn viele Etagen über einem eine Tür aufging. Man fühlte es vielmehr. Aber man konnte nicht den Sonnenschein betrachten. Die seelische Armut hier deprimierte mich zutiefst. Ich glaube auch dass Klaudia spürte wie ich hier verwelkte. Die Sicherheit die der Alltag einst auch für mich darstellte, war wie verflogen. Es war nur noch abstoßend, genau zu wissen was ich bis zu meinem Tod tun würde. Wie konnte das jemals angenehm sein?
Der Meister schaute mir schon besorgt hinterher. Ich bin mir nicht sicher ob aus Argwohn über mich, oder aus Angst dass ich Klaudia auf andere Gedanken bringen könnte. Und tatsächlich hatte ich meine Hoffnung Klaudia zu wecken noch nicht ganz begraben. An diesem Abend gingen wir wieder zusammen zu den nächtlichen Orgien. Doch diesmal war schon der Weg nach oben, rein vom Gefühl her, etwas anders als gestern und vorgestern und letzte Woche und letztes Jahr. Klaudia umgriff meine Hand ungewöhnlich gewaltsam, so als ob sie dabei gerade ein Kind zur Welt brachte. Sie schaute mich unverhohlen oft an. Als wir auf der Feier ankamen, wollte sie nur mit mir tanzen. Wir bewegten uns eng umschlungen außerhalb jedes Taktes, und ich hätte schwören können dass sie dabei die Augen geschlossen hielt. Am Rande unserer kleinen Gemeinschaft sah ich die Alten thronen, mit ihren antiken Pfeifen, wie sie den Rauch in die Nacht pusteten. Ich löste die Umklammerung und bahnte mir meinen Weg durch die farbenfrohe Menge die wie hypnotisiert in die Luft starrte und dabei rhythmische Bewegungen machte.
Ich setzte mich vor Klaudias Meister auf den Boden. Lange haben wir diskutiert. Lange darüber gesprochen wie mein Leben weiter gehen soll, und das MIT Klaudia. Ungezählt habe ich damals die Worte „Ich will....“ ausgesprochen. Der Alte hörte mir andächtig zu und nickte wenn ich es von ihm erwartete. Dann fuhr er seine Hand aus und zeigte aus der Stadt heraus. Hatte ich ihn so schnell überzeugt? Durch so einfache , primitive Dinge wie meine Gefühle. Im Nachhinein empfand ich es auch als sehr unpassend diesen Menschen einfach angesprochen zu haben.
Ich nahm Klaudia auf dem Weg zur Gasse an die Hand und zog sie hinter mir her. Sie wehrte sich nicht. Sie wollte ja mit mir weggehen. Irgendetwas musste ihr die Augen geöffnet haben. Irgendetwas musste ihr gezeigt haben dass mein Lebensentwurf recht hatte. Sie wandte sich ihrem Meister zu, und fragte ihn mit Blicken um Erlaubnis. Der Alte verzog sein Gesicht um kein Stück. Wissend dass er Klaudia damit verunsichern konnte, verbarg er ein Grinsen vor mir. Natürlich sollte ich es sehen, und das tat ich. Klaudia war wahrscheinlich sehr verwirrt. Sie verstand nicht so richtig was sie im Haus sollte, ein doch eine Party hier oben im Begriff war zu toben. Ich versuchte ihren Blick zu fangen, und schob im Zuge dessen meinen Kopf in ihr Sichtfeld, hielt ihr Gesicht mit beiden Händen und schaute sie eindringlichst an. Sie versuchte zu nicken. Es gelang ihr nicht da ich ihren Kopf viel zu straff hielt, aber ich verstand. Ich zog sie mit meinen Händen an ihrem Kopf aus der Menge. Mich quälte der Gedanke, ihr Verständnis für unser Handeln könnte herausfallen wenn ich ihn loslasse.
Die Gasse war dunkler als jemals zuvor, so als ob ihre Durchquerung eine letzte Prüfung war, ob wir diese Stadt auch wirklich so unbedingt verlassen wollten. Wir holten im Eiltempo unser Gepäck und schleppten es ans Mondlicht. Sobald es wieder unsere Rücken zierte, drängten wir uns an der Stadtbevölkerung vorbei. Ich nahm Klaudia an die Hand, obwohl ich eigentlich keine Angst mehr haben musste wieder von ihr getrennt zu werden, und versuchte so schnell wie möglich aus diesem Pfuhl zu verschwinden. Ein letzter Blick vorbei an den Alten, beschleunigte unseren Schritt nur noch mehr. Sie sahen uns bestimmt hinterher, bewegungslos und frei von Gedanken. Wir verließen den Bereich der Menschentraube, und mussten lediglich noch an einzelnen dahinstrebenden Personen vorbeischleichen. Die leeren Augen dieser Menschen begannen uns jetzt Angst zu machen. Ihre Pupillen waren fast nicht sichtbar, und die Regenbogenhaut verblasst und fade. So kamen sie auf uns zugetorkelt. Sie waren bereits benommen von diesem gelben Getränk, dass nach Alko-See schmeckte. Unsere Hände drückten sich ganz fest, um nicht miteinander umzukehren. Dies war so ewig unser Zuhause. Was diese Menschen genau jetzt taten, darauf hatten wir bis gestern auch jeden Tag gewartet. Was für traurige Menschen, mit traurigen Leben. Wir gingen starken Schrittes weiter. Wir konnten den Ausgang der Stadt schon sehen, mitsamt der Schranke die im fahlen Mondlicht ihre rot-weiße Färbung verlor und entsprechend dieser Stadt in monochrome Farben getaucht war. An dieser Barriere angekommen ließ ich Klaudia stehen und stützte mich darauf ab. Eine kleine Angst war doch noch da, ich dürfte die Grenze nicht überschreiten. Ich nahm aber trotzdem den kleinen Zettel aus dem Rucksack und ließ ihn mit dem Wind in die Stadt fliegen, wo er nie gefunden würde und sich in einer Pfütze auflöst. Ich lief mit Klaudia um die Schranke herum. Dahinter trafen sich unsere Hände wieder und wir liefen in die weite Nacht, die mit uns wanderte. Einmal drehte ich mich um, und sah die Leichen die sich bis an den Rand der Stadt stapelten. Eigentlich wusste ich es, aber sehen konnte ich sie erst jetzt, wo die Prüfung bestanden war. Klaudias fragenden Blick tat ich ab, und wir liefen und liefen. Ich und Klaudia. Wir beide Hand in Hand, wobei sich unsere Schultern gelegentlich berührten – mit den schweren Rucksäcken, die im Laufe der Zeit eine immer größere Schwierigkeit darstellten. Das Laufen begann uns, je weiter wir gingen, zu schmerzen. Und eine Wanderung die wieder Tage, Wochen, Jahre dauern würde, war abzusehen. Tapfer hielten wir durch. Tagsüber legten wir uns schlafen, wenn es nicht zu warm war. Und nachts, wenn es angenehm kühl war, begannen wir einen Fuß vor den anderen zu setzen. Wenn es tagsüber zu heiß war zum schlafen, versuchten wir auch dann voran zu kommen. Der Schweiß lief unsere Wirbelsäule herunter und machte T-Shirt und Hosenbund nass. Wir wischten die Perlen von unserer Stirn, da sie wir Brenngläser funktionierten. Irgendwann waren unsere Hände so nass, dass sie am Zustand unserer Stirn nichts mehr ändern konnten. Die Tage wurde dadurch so anstrengend dass wir uns bei Anbruch der Nacht am Rande des Weges deponierten und sofort wegschliefen. Dass wir nun tagsüber liefen, war eigentlich keine so gute Idee. Doch der Schlaf fand uns tagsüber einfach nicht mehr. S schliefen wir nur noch nachts. Eine dieser Nächte sollte die Letzte sein. Und diese Nacht war nah und ersehnt. Wir hassten es, uns anzufassen weil wir dadurch noch mehr Wärme in unseren Körper bekamen. Wir wurden so träge und wollten nichts mehr als uns im Schatten von irgendetwas einfach hinfallen zu lassen. Aber da war kein Schatten. Nur ein Weg, und Wüste rechts und links. Hätten wir kein Ziel, wir hätten an Ort und Stelle verdursten wollen, nur um nicht weitergehen zu müssen. Aber wer einen Gedanken hat, der hat auch ein Ziel. Das habe ich von meinem Vater gelernt. Irgendwann bewegten unsere Muskeln unsere Füße, ohne dass wir es wirklich wollten. Unsere Körper funktionierten nur noch, wenn auch mittelmäßig. Meine Zehen schwammen in den Schuhen, und bekamen keine Luft. Jeden Abend schälte ich entzündete Füße aus den engen Schuhen. Klaudia versorgte sie dann, mit ihren heilenden Händen, die sicher geschickter waren als meine. Die Nacht welche die Letzte hier sein sollte war damals erreicht.