I - Pantacruel
II - der Schlossherr
III - Das Verlassen des Schlosses

2. Kapitel – Château d’Echec



I – Pantacruel



Wir erkundschafteten von ferne ein Schloss. Es musste riesig, ach was sag ich, gewaltig sein, wenn wir es von hier sehen konnten. Aber der Weg dorthin, war nicht gewöhnlich. Er war nicht so gerade wie bisher, sondern er bestand aus einer Schlängellinie die uns Tage kosten würde. Und noch vor dieser Schlängellinie hörte der Weg ganz auf, um dann wieder zu beginnen. Am vorläufigen Ende des Weges, tat sich eine Schlucht vor uns an. Wir hatten schon von ihr gehört. Pantacruel! Nur wie wir sie zu überqueren hatten, das hatten wir nirgends läuten hören. Das mit dem Fliegen war nur in der ersten Sekunde nach dem Erfassen des Problems eine wirkliche Option. Der Weg, und das irritierte uns, führte nicht durch die Schlucht, sondern ging einfach auf der anderen Seite weiter. Um es kurz zu fassen: Wir befanden uns auf einem Berg, mussten hinabsteigen, das Tal durchqueren, und dann auf der anderen Seite wieder den Aufstieg wagen.
So steil war der Berg streckenweise gar nicht, dafür aber mit riesigen Steinhaufen versehen die aussahen als wären sie liebend gern Teil eines Steinschlages. Und wieder andere Partien standen senkrecht zum Erdboden. Das sollte schwierig werden. Wir schauten immer wieder sehnsüchtig auf den weiterführenden Teil des Weges. Musste er nicht eigentlich den Berg hinunter, durchs Tal, und wieder hinauf führen. Es konnte doch nicht einfach ein Loch im Weg geben. Auf jeden Fall aber mussten wir irgendwie auf die andere Seite gelangen. Ich und Klaudia beschlossen unsere Wege zu trennen, und in entgegengesetzte Richtungen zu laufen, mit dem Sinn eine Überquerungsmöglichkeit zu finden. Wir standen vor einem modernen Schlossgraben, der keine Chance bot unbeschadet zum Schloss zu gelangen. Als wären wir der Feind, vor dem es sich zu schützen galt. Als wir aus Ost und West wieder aufeinander zukamen, merkten wir am Blick des Anderen, dass er wenig erfolgreich war. Im Gegenteil – Genau am Ende des Weges bot sich die beste „Überquerungsmöglichkeit“. Ich ließ meinen Kopf auf Klaudias Schulter fallen und atmete tief. Klaudia schaute dabei stolz auf das ferne Schloss, während ihr der Wind, durch die langen Haare wirbelte, sich in ihnen verfing, und sie mir über den Kopf legte. Woanders konnten wir ja eh nicht lang, da der Rückweg ausgeschlossen war. Wir waren uns nicht sicher ob das das letzte Hindernis vor dem endgültigen Verlassen von Proxima war. Der Platz zwischen hier und der Stadt hatte nichts zu bedeuten, würde sie doch bald bis hierher reichen, wenn noch mehr tote Menschen dort ankommen würden. Es konnte aber genauso gut eine Prüfung für den Zugang zum Schloss sein. So oder so begann jetzt der steinige Abstieg. Am Anfang fiel er uns noch leichter als zunächst vermutet. Es war zwar nicht leicht, aber wir konnten über jedes Hindernis hinüberklettern oder ihm doch zumindest ausweichen. Die kleinen Kiesel sprangen unter unseren Schuhen weg. Die kollossalen Blöcke brachten uns zum Staunen über ihre wahnsinnige Größe. Abgesehen davon, boten sie uns heiligen Schatten, weshalb wir sie zu unseren Lieblingssteinen erkoren. Wie zwei Pilger mit Wanderstöcken trabten wir das unwegsame Gelände entlang. Das ging so lange gut, bis wir auf eine abfallende Stelle trafen. Die Wand führte glatt herunter, bis zu einem Felsvorsprung sieben Meter unter uns. Da es uns nicht möglich war, die Gesetze der Physik außer Kraft zu setzen, und senkrecht zur Felswand zu laufen, waren wir ratlos. Unser selbstgewählter Weg war hier einfach zu Ende, und fiel in die Tiefe, die mit sieben Metern doch nicht zu verachten war. Der einzige Weg nach unten, war für uns über diesen Abfall der Felswand. Klaudia begann neben mir, ihren Rucksack abzuschnallen. Schon warf sie ihn hinunter, sah mich keuchend an, und zeigte mit verschwitzten Armen auf den Felsvorsprung. Ich schüttelte mit einem Lachen den Kopf. Sie konnte ja wohl nicht da runter springen wollen. Ich meine, die Sonne machte uns beiden schwer zu schaffen, aber so eine Die, war nicht einmal mit einem Sonnenstich zu rechtfertigen. Kaum gedacht, setzte sie sich auch schon an den Abgrund und machte Versuche sich leicht abzustoßen. Sie wollte sich wohl an der Wand entlanggleiten lassen. Klaudia drückte ihre Füße gegen die Felswand und schob sich so nach vorn – näher an den Abgrund. Kleinere Steinchen folgten unter ihrem Gesäß und stürzten noch vor ihr in die Tiefe, so als wollten sie die Welt da unten schon einmal auskundschaften. Sie machten kleine Knack-Geräusche bei ihrem Aufprall. Man konnte sie wahrnehmen, wenn man seine Ohren auf den Abgrund richtete und alles andere um einen herum keine Geräusche von sich gab. Klaudia schwitzte heftig, nicht jede Schweißperle war jetzt durch die Sonne erzeugt. Sie atmete tief und schwer, so als ob die dicke Luft sich als Masse in ihren Lungen abgesetzt hätte. Sie drückte sich mit geschlossenen Augen von ihrem Sitz und ließ sich fallen. Die Augen, das konnte ich noch sehen, öffnete sie schleunigst wieder. Sie glitt am Felsen entlang, der ihr T-Shirt hochriss und auf ihrem Rücken Schleifspuren malte. Nach einem Bruchteil von einer Sekunde war sie angelangt, wo die Schwerkraft sie hingeführt hatte. Sie lag gekrümmt auf dem Boden der Tatsachen. Dort betrachtete sie ihren Knöchel, der still an ihrem Bein vor sich hin schmerzte. Das T-Shirt dass immer noch nur kaum ihren Oberkörper bedeckte, gab den Blick auf blutige Längsspuren frei, die sich bis zur Mitte des Rückens erstreckten, wo sie von ihrem Hohlkreuz gestoppt wurden. Die Zeichnung war markant. Die meisten Menschen hätten sich gekrümmt und somit ihren ganzen Rücken dem Schmerz preisgegeben. Klaudia blieb kerzengerade. So wenig Angst war bewundernswert und einschüchternd.
Die kleine Klaudia, die mir gehörte, lag dort mit einer tiefen Ruhe auf einem Felsvorsprung und wartete geduldig auf mein Eintreffen. Ich setzte mich auf die Kante, auf der gerade eben noch Klaudia saß. Ich beugte meinen Oberkörper nach vorne, und zog meine Knie an. Auf ihnen legte ich meinen Kopf ab. Das würde viel Mut brauchen, wenn man schon weiß dass es weh tun wird. Der Schweiß tropfte von meiner Stirn. Das Verblassen der salzigen Ausdünstung ließ meine Haut eine kühle Stelle erspüren. Obwohl das natürlich nur Täuschung war.
Ich hätte dieses winzige Brennglas gern fliegen und aufprallen sehen, wie es vielleicht ein Steinchen bewegte. Aber ich konnte gar nichts sehen. Die Sonne trieb Schweiß und Staub in meine Augen und verklebte sie. Ich saß n och immer auf der Klippe und wusste, oder ahnte, Klaudia einigen Raum unter mir, wie sie sicherlich langsam ungeduldig wurde. Ich vertrieb die detaillierten, also nebensächlichen Gedanken die mir doch nur dazu dienten meine Angst in Panik zu verwandeln. Meine Füße stießen mich vom Vorsprung und blieben eingeknickt hängen um mich zu schützen. Ich fiel ewig und konnte sogar den Luftzug spüren, der mein T-Shirt und meine Hose flattern ließ, und unter meiner Nase rieb, so dass ich keine Luft mehr bekam. Das abrupte Ende des Falls machte die Ewigkeit desselben vergessen. Ein stechender Schmerz durchzuckte mich wie ein Stromschlag. Danach spürte ich nichts mehr. Alles war taub und schmerzfrei vor lauter Schmerz. Das heißt, manches spürte ich doch noch. Meine Zähne die sich aufeinander pressten und abschabten. Mein Kiefer spannte sich an, dass es schmerzte und die Steine unter mir, bohrten sich in meine Haut. Ich schaffte es kaum zu atmen, geschweige denn mich wegzudrehen. Ich drückte mit großer Kraft Luft aus dem Rachen in den Mundraum. Ich schlug meinen Kopf an die Wand. Und tatsächlich: die Schmerzen wurden erträglicher dadurch. Meine Aggressionen bauten sich in erster Linie ab. Mein kleiner Blick zu Klaudia zeigte mir eine ausgestreckte Frau, die lebte. Also ihr Brustkorb hob und senkte sich, was man so gemeinhin als Leben bezeichnet. Die edlen, äußerst sensiblen Nerven dieses kleinen Wesens waren heute wirklich überstrapaziert worden. Ich zog mich zu ihr, mit der letzten Kraft die meine Arme hergaben. Als ich bei ihr angelangte, starrten mich zwei kraftlose Augen an, die willenlos waren weiterzuklettern. Ich gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die feuchte Stirn und legte meinen Kopf neben den Ihren. Ich wandte ihr meinen Kopf leicht zu. Unfähig zu sprechen, fragte ich sie durch meine Augen ob wir Rast machen sollten, unter dem nächsten Schatten. Sie nickte unsichtbar. Ich zog mich und sie also unter einen Vorsprung. Mein Arm schmerzte beim Versuch Klaudia’s Körpergewicht auf dem trockenen Stein entlangzuziehen. Es glückte dennoch. Klaudia japste und quengelte wie ein Kind im Fiebertraum. Der Schweiß kullerte in Bächen ihr schmales Gesicht entlang und sammelte sich ein wenig in den kleinen Furchen die sich auf ihrem jüdischen Konterfei bereits abzeichneten. Selbst in diesem Zustand war sie noch schön. Ich legte mich neben sie und wir dösten ein. Das war der Schlaf der Wüste. Denn richtigen Schlaf erheischte man nur äußerst selten bei diesen Temperaturen. Mehr als ein Ruhen vor lauter Müdigkeit und Erschöpfung war nicht drin.
Der Stein, der groß genug war 2 Menschen seinen Schatten zu geben, ragte bedrohlich über unseren Körpern und hätte uns sofort zerquetschen können. Mit skeptischen Blicken auf das Ungetüm versank ich in „Sekundenschlaf“. Die Träume die mich heimsuchten ließen mich mehrmals auffahren. Fremde Menschen die uns Böses wollten, kamen in jedem Traum vor. Arglistige und gewalttätige Subjekte, die teilweise öfters auftauchten und uns keine Ruhe ließen. Ein Traum war besonders schlimm. Ein großer blonder Mann überraschte uns genau hier unter dem Felsen. Er streckte die Hand nach Klaudia aus. Und diese nahm sie in ihre. Sie stand auf und alle Schmerzen waren vergessen. Sie lächelte mich an und versprach bald wiederzukommen. Ich versuchte auch aufzustehen, doch mich rissen die Schmerzen zu Boden. Die beiden verschwanden und ich harrte aus, in ständiger Erwartung ihrer Rückkehr. Doch diese trat nicht ein. Ich hörte das Meer branden und Klaudias Stimme die sich mit ihm vermischte. Doch ich lag fast bewegungsunfähig unter dem Stein und litt unter der Hitze. Ich war froh aufzuschrecken und festzustellen dass ich dazu körperlich in der Lage war. Neben mir lag Klaudia im Schmutz auf ihrem Arm. Ihre Strähnen flogen in Frieden um ihr Gesicht und kringelten sich leicht oder klebten an ihren Wangen. Ich strich ihr über die Schulter und flüsterte ihren Namen ganz nah an ihr Ohr. Dieser Versuch sie zu wecken scheiterte. Ich überließ sie ihrem Schlaf und legte meinen Kopf auf ihren Rücken. Ich glaube ich wrang das schweißige T-Shirt auf ihr aus, durch die Last meines Kopfes. Vielleicht war es das, was sie weckte. Jedenfalls wendete sie ihren Kopf und versuchte ihren Oberkörper zu heben. Sie stöhnte leicht vor Anstrengung. Erschöpft half ich ihr, indem ich mich von ihrem Körper erhob. Sie zog ihren Arm unter ihrem Bauch hervor und bearbeitete ihn mit einer Massage. Er war wohl eingeschlafen. Sie presste ihren Handballen in die Ellenbeuge und schob mit Kraft ihre Hand bis zum Handgelenk. Ich vermied es ihr zu erklären dass es nutzlos war das Blut in die Hand „zurückzuschieben. Sie würde es trotzdem tun. Beim Versuch aufzustehen stützte ich meine Hand genau auf die Stelle, an die ich im Schlaf Speichel abgegeben hatte. Er klebte in meiner Handfläche und war für mich wertvoll, einfach aus der Tatsache heraus dass es sich um Flüssigkeit handelte. Ich setzte meine Hand jetzt daneben und versuchte mit einiger Kraftanstrengung das heiße Nass aufzusaugen. Klaudia hatte sich inzwischen ebenfalls aufgerichtet, unterbrach ihre Unterarm-Massage und zog meinen Kopf wieder nach oben. „Nicht!“ war ihr schlichter Kommentar. Ich schaute sie gereizt an, und zog ihre Hand von meinen Haaren. Mehr mit den Händen als mit den Füßen arbeitend, versuchte ich mich erneut aufzurichten. Mein Fuß tat schrecklich weh. Ich konnte auf keinen Fall damit auftreten. Mich am Felsen abstützend sprang ich auf einem Bein den schmalen „Weg“ entlang. Jedes Aufkommen ließ ein neues Stechen durch meinen Körper fahren. Aber das war nicht das große Problem. Mein Blick auf den Weg der noch vor uns lag, allein was diese verdammte Schlucht anging, geschweige denn der Weg der darauf folgen würde. Man hätte fast verzweifelt sein können, wenn die Sonne dieses Gefühl nicht verblassen lassen würde. Das Hervorkriechen aus unserem Schatten ließ die glühenden Strahlen wieder auf meine Haut treffen. Der Schweiß tropfte sofort wieder aus jeder kleinen Pore meines Körpers, und ich fühlte das Melanin an die Hautoberfläche treten, wo sie sich nicht schälte. Mein Bein wurde langsam sehr schwer. Ich ließ mich mittelmäßig vorsichtig zu Boden gleiten. Wir durften nicht hier bleiben. Nicht dass wir gejagt worden wären, aber irgendwie war es doch so. Ich umfasste Klaudias Fußgelenk achtsam und tastete es ab, was durch starke Zuckungen von Klaudia wenig erfolgreich abgewehrt wurde. Ihr Knöchel war noch immer ziemlich geschwollen. Es sah aus als würde sie einen Tennisball im Bein tragen. Ich war da schon etwas mehr vom Glück verfolgt. Die Schwellung klang ab, und bis zum Abend würde mein Knöchel nur noch schmerzen ohne ein erkennbares äußeres Anzeichen. Bis dahin wollten wir wenigstens noch abwarten. Auch wenn die Stunden nur langsam an uns vorbeischlichen, legten wir genug Geduld an den Tag. Die Dämmerung kam und versenkte die rot-blaue Sonne mit Gewalt hinterm Land. Langsam kam die Dunkelheit in Richtung Schlucht gekrochen. Es war fast komisch das zu beobachten. Wie sich die Fühler, wie eine Amöbe auf sonnengeflutetes Gebiet verirrte es dann vollständig einnahm und schließlich verschlang. Der Schatten schlich stumm zu uns hinauf. Er erreicht uns und es machte ihm nichts aus. Er hielt nicht für eine Sekunde an, sondern eilte weiter – den Berg ganz zu bezwingen. Und als er dies geschafft hatte, war Nacht. Ich schätze das war das erste Mal dass ich sie bewusst hereinbrechen sah. Klaudia lag noch nahe bei mir und ruhte. Der Plan, heute Abend weiterzulaufen war unüberlegt. Meinem Fuß ging es wieder so weit gut dass ich ihn benutzen konnte. Er ziepte hier und da nur noch etwas bei einer ungeschickten Bewegung. Ich setzte mich und bewegte mich seitlich zu Klaudia. Sie blickte mich an, mit ihren Grasaugen. Reagieren wollte sie aber scheinbar nicht. Auch nach einem leichten Wackeln an ihrer Schulter konnte ich ihr nur einen kurzen Alt-Ton entlocken, der mehr ein Brummen als ein Ton war. Ich klärte sie darüber auf, dass wir gehen mussten, und sollten. Wieder quittierte sie den Eingang dieser Information mit einem kurzen Laut, der wohl ein „Ja“ darstellen sollte. Diesmal aber machte sie echte Versuche sich zu erheben. Ihr Oberkörper verließ den Boden, und wurde von ihren dünnen Armen getragen. Der Versuch sich richtig hinzusetzen aber scheiterte am Versuch sich umzudrehen. Ihr Fuß war wohl noch nicht bereit dafür. Meine Unlust stieg eine Nacht unter diesem dämlichen Felsen zu verbringen, badend im eigenen Schweiß. Aber ausweichlich war es nicht. Notgedrungen Und gereizt legte ich mich neben Klaudia, die schon fast im tiefsten Schlaf lag. In diesem Moment war ich derjenige der einen Engel hasste. Ich verfinsterte meinen Gesichtsausdruck, in der Hoffnung Klaudia könnte das noch irgendwie wahrnehmen. Morgen in aller Frühe, wenn es noch kühl war, mussten wir weiterklettern. Wir hatten nicht ewig Zeit, und ich hörte wie unruhig unser Ziel uns rief. Und das Schloss was dort auf dem Weg lag würde eh unser nächster Durchgangspunkt sein. Dort könnten wir Klaudias Fuß versorgen. Wir würden ja nicht allein dort sein. Ich lag während dieser Überlegungen dort auf einem Felsen, in meinen Gedanken begraben und wartete auf den Morgen, der nur noch ein paar Stunden Schlaf entfernt war. Also nutzte ich diese Stunden für das, wofür sie bestimmt waren – schlafen.
Ein dreckiger Schlaf überfiel mich, der mich zwischen wilden Träumen und Wachzustand umherwandern ließ. Beim Aufwachen in den zeitigen Morgenstunden allerdings, war ich so ausgeruht wie schon lange nicht mehr. Nicht mehr so ausgeruht wie…. Nun,… eben lange nicht mehr. Ich rüttelte euphorisch an Klaudia, die meine Freude und Ruhe wohl nicht teilte. Sie drehte sich zu mir um und eine kleine Hand mit dünnen unberingten Fingern, tastete sich in mein Gesicht und – als sie es gefunden hatte, schob sie es von sich weg. Ich nahm ihre Hand die mein Gesicht verlassen wollte und zog sie daran empor. Nur so derb, wie es ging, ohne ihr gleich die Schulter auszukugeln. Ein leichtes Knacken war trotzdem in Zimmerlautstärke zu vernehmen. Wie liebesfördernd man die Eigenheiten des Anderen kennt. Im Falle Klaudia waren das die Geräusche, die ihr Körper morgens von sich gab, wenn all ihre Glieder noch entspannt auf ihrem Lager ruhten. Ich zog sie an ihrer Hand auf die Beine. Noch im Halbschlaf begriffen, wendete sie mir ihren Kopf zu, der langsam richtig aufwachte. Mit kleinen Glasaugen schaute sie mich an. Krümel hafteten an ihren Wimpern. Beim Versuch sie wegzuwischen stieß ich auf Widerstand. Klaudia drehte sich weg, und ging tapsig in die falsche Richtung um sich den Schlafsand aus den Augen zu wischen. Wenigstens konnte sie in dieser Richtung nirgendwo runterfallen. So ließ ich sie gehen. Immer mit einer Pupille, die sie manifestierte, und einer die den Weg bereits fokussierte. Ich setzte mich auf die Kante des „Plateaus“ und guckte in den Abgrund, versuchend dies ohne Angst zu bewerkstelligen. Neben mir führte ein Weg steil nach unten. Ich nahm meine Füße zur Seite. Das Baumeln schien mir dann doch irgendwie angsteinflößend. Das Aufstehen verursachte wieder dieses kurze Zucken in meinem Fuß. Kurze Gleichgewichtsstörungen, gekoppelt mit heller Panik, und rudernden Armen waren die Folge. Schlimmeres konnte ich verhindern. Ein paar Schläge gegen meinen Kopf machten mir bewusst wie knapp es eben war. Erst jetzt setzte das richtige Herzklopfen ein. War es die Wärme die doch langsam wieder aufkam, oder was machte mich so langsam? Ich würde jetzt Klaudia holen gehen und dann hatte das hier weiter zu gehen – dem Ende entgegen. Weit war sie ja nicht gegangen. Sie stand dort, die Hände in die Hüften gestemmt und schaute sich mit verkniffenem Blick das Geschaffte an. Ich streckte meine Hand aus, zwischen ihrem Arm und ihren Rumpf. Einhaken würde man es wohl nennen. Sanft wies ich sie auf unser baldiges Gehen hin. Sie folgte mir sofort widerspruchslos. Ihr Fuß schien wieder gesund oder doch zunächst bereit es wieder zu werden. Der Weg war wieder etwas angenehmer, gerade so wie am Anfang. Nach unserer kleinen unfreiwilligen Pause, war alles angenehm schätze ich. Die Sonne war wieder ein Problem und ich war glücklich darüber. Nicht weiterzukommen war weitaus grausamer. Wenn man sich über Kleinigkeiten Gedanken macht, ist das doch Luxus, und es geht einem gut. Auch wenn das eine alte, oft genannte, Weisheit ist. Wir liefen also lange, lange, aber erreichten noch am selben Abend den Grund der Schlucht. Ich musste zugeben dass ich nicht wirklich damit gerechnet hatte. Der Grund, der von oben so winzig aussah, bestand aus einem Wadi. Das trockenen Flussbett diente wohl schon zu vielen als Quelle, um ihre Kräfte wieder aufzutanken. Der Gedanke war zunächst nur scherzhaft, wurde aber zurückblickend immer wahrscheinlicher. Wir stellten uns ins trockene Tal und blickten den ehemaligen Wassermassen nach. Wo dieser Fluss wohl entsprang, und wohin er floss? Jeder Fluss mündet ins Meer. Und war das nicht unser Ziel? Aber kein Tropfen mehr, befeuchtete diese Erde. Wieso also sollten wir ihm folgen und dabei vom „rechten“ Weg abkommen.? Auch wenn es leicht schien – wir hatten schon zu viel Umweg in Kauf genommen durch Proxima. Alles mussten wir jetzt richtig machen. Wir wateten also beide – zufällig gleichzeitig – wieder los um den Aufstieg zu beginnen. Nur solange die Sonne noch ihre letzte mühsame Leuchtkraft aussendete. Dann würden wir uns ein Plätzchen suchen, an dem sich schlafen ließ. Nur noch ein trauriges Lied dass den Weg begleitet. Die Kraft der Sonne ließ schon am Fuße des erneuten Berges nach. Es war vermutlich besser. Was vor uns lag, war noch anspruchsvoller als das was wir hinter uns ließen. Ich wusste das. Ich wusste das sehr genau. Ein Schlaf wäre jetzt gut um für ein paar Augenblicke nicht daran denken zu müssen. Sollten mich meine Gedanken morgen weiterquälen. Weil es noch heute war, konnte mir das egal sein. Klaudia zog mich an eine Stelle die sie erspäht hatte. Es war fast eben, und es lagen kaum Steine auf dem Boden. Wenn das nichts war für eine Nacht die zum Vergessen gemacht war. Das echte Vergessen würde eh erst das Ziel bringen. Wir legten uns hin, hielten trotz Hitze unsere Hände aneinander fest und schliefen traumreich. Das Aufwachen ließ mich zwar erkennen dass ich mich am Vortag körperlich übernommen hatte, war aber dennoch ein glückliches Aufwachen. Natürlich war ich der einzige Mensch im Wachzustand. Neben mir schlief mein possierliches Märchen von einer Liebe. Träume machen kitschig – das war schon immer meine Theorie. Ich weckte sie tollpatschig, indem ich ihr beim Versuch den Arm um sie zu legen, etwas das Gesicht demolierte. Wach war sie dann, aber lachen konnte sie leider nicht darüber.
Na ja, der Aufstieg. Peinlichkeiten verdrängt man am besten durch andere Gedanken. Ich demonstrierte dies eindrucksvoll durch einen eleganten Themenumschwung zum Schluchtaufstieg. Wieso denkt man abends immer dass man sich am nächsten Morgen Gedanken machen kann. Das schafft doch nur Probleme am nächsten Tag. Ich glaube ich sah mal wieder Wolken die mir die Sicht zur Spitze versperrten und den Mut nahmen. Schaffen konnten wir das eigentlich nicht. Aber man marschiert irgendwie trotzdem immer los. Wahrscheinlich um sich dann irgendwann umzudrehen und sich einzureden dass man immerhin schon etwas geschafft hat. So etwas nennt man Selbsttäuschung. Aber es klappt, also brachen wir gedankenlos auf um uns irgendwann über die erzielten Fortschritte zu freuen, die gar keine sind. Die Steinchen knackten unter unseren Schuhen weg und erinnerten mich irgendwie an meine Kindheit. Den Blick auf den Steinweg gerichtet liefen wir kontinuierlich dem Fortgang der Straße entgegen. Unser Tempo war an jeder Stelle gleich. Der Stab den ich mir aus der Schlucht mitgenommen hatte, war eine große Hilfe. Er machte die Last meines Rucksackes etwas erträglicher. Klaudia lief ohne. Und die Masse ihres Gepäcks stellte einen zusätzlichen Druck auf ihren Knöchel dar. Aber sie war tapfer. Außer ihrem Stöhnen beklagte sie sich nicht. Aber ihr Versuch stark zu sein und die Reise weiterzuführen ging nicht unbemerkt an mir vorbei. Natürlich sah ich ihr verzogenes Gesicht manchmal im Profil. Die Falten in die sich ihre Stirn legte genau so wie die Lippen die sie zusammenpresste, bis sie weiß anliefen. Ich wollte sie nicht drauf ansprechen. Wir würden ja wohl irgendwann im Schloss sein. Und spätestens dort, könnten wir eine Pause einlegen. So in meine Gedanken an unser baldiges Kurzzeitzuhause versunken rannte ich Klaudia um. Ich hatte gar nicht bemerkt dass sie stehen geblieben war. Sie bat um eine kleine Rast, und wartete gar nicht erst meine Antwort ab sondern ließ sich auf dem nächsten Stein nieder und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Mir war das eigentlich recht. Die Nervenstränge in meinem Körper begannen von allen Seiten zu ziehen und verursachten einen kleinen Schmerz bei bestimmten Bewegungen. In diesem Tempo, und wenn wir Pausen einlegten war das alles kaum zu schaffen. Wir hatten schon in Proxima viel zu viel Zeit verloren. Ich stand ruckartig wieder auf. Klaudia schaute mich verwundert und dann aggressiv an, aber darauf konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Ich zog sie an ihrer Hand wieder hoch und bedrängte sie weiterzulaufen. Sie atmete schwer. Ihre vom Schweiß ganz glitschige Haut leuchtete in der Sonne. Sie setzte ihr Gepäck an, und strich sich noch ein paar nasse Strähnen aus der gebräunten Stirn. Eine Handlung nach der anderen. Die Sonne beschnitt unser Denkvermögen. Sie drehte sich um und stieg wieder auf. Zum Glück war das folgende Stück nicht so schwierig und glich eher einem Trampelpfad mit leichtem Anstieg. Hier wuchsen sogar Pflanzen an denen man sich hätte erfreuen können. Aber wir hatten andere Sachen im Kopf und trampelten sie eher nieder. So ging es ihnen wohl häufiger. Aber Unkraut vergeht ja angeblich nicht. Zum Glück hatten wir mit dem Abstieg das Schlimmste hinter uns. Auch wenn das verrückt klingt. Den Blick zurück, von dem ich vorhin sprach, tat ich genau jetzt. Wir waren schon weit vorrangekommen aber lange nicht so weit wie es zu wünschen gewesen wäre. Eine Nacht hatten wir wohl noch hier zu verbringen. Ich zog an Klaudia und erzählte ihr von meiner neuen Erkenntnis. Sie war sichtlich froh darüber, und fing enthusiastisch an nach einem geeigneten Platz zum Rasten zu suchen. Ihre Augen waren klebrig-feucht und warteten nur noch darauf zu ruhen. Ich schloss ihre müden Lider mit meinen Händen und führte sie an eine Stelle die ich entdeckt hatte. Ich legte ihren Körper hin. Ich selber stand noch und schaute mich um. Ich war fast schon stolz auf das was wir bewältigt hatten. Obwohl natürlich nur ein Bruchteil des Weges hinter uns lag. Aber Pantacruel war schon fast überwunden. Ich setzte mich neben Klaudia. Sie war bereits nicht mehr wach. Ich schaute sie sehr lange an. Wie sie so dalag, sah es aus als hätte sie einen Buckel. Das T-Shirt flatterte mit dem Wind um ihn herum. Es war nur ihre ungünstige Liegeposition. Wir waren Suchende, um einmal philosophisch zu werden. Nur dass wir nicht suchen mussten. Wir wussten ja wo wir lang mussten. Genau genommen waren wir also bloß Reisende. Ich betrachtete Klaudia noch lange Minuten und stellte alles an ihr fest was mir bislang entgangen war. Sie hatte winzig kleine Fältchen um die Augen bekommen. Die Härchen über ihrer Oberlippe hinterließen einen kaum sichtbaren grauen Schimmer, wie eigentlich alle Frauen ihn haben. Das erinnerte mich immer an Jemanden. Und der Haaransatz der ganz leicht heller war als ihr Resthaar war noch glatt, wohingegen weiter unten leichte Wellen das Haar durchsetzten. Ihre dunkle Haut die von der Sonne ganz ausgezehrt wurde, reflektierte das letzte Tageslicht. Ich schlief über meine Betrachtungen in Liebe ein. Der nächste Tag sollte wohl nicht ganz so anstrengend werden. Wir müssten es bis zum Château schaffen du dort könnten wir lange Nächte verbringen und uns ausruhen. Ich legte meinen Kopf an Klaudias schlafende Schulter und wartete in meinen Träumen auf morgen. Ich träumte vom Ziel, dem weit entfernten, das auf uns wartete und dem wir sehnlichst entgegenrannten. Wir wollten ankommen. Aber das wollten schon viele. Ich träumte unbestimmte Sachen, die alle für das Vergangene und Zukünftige unseres Weges standen. Wir würden es schaffen. Wir waren zum Besonderen bestimmt. Das wusste ich im Traum. Die Wirklichkeit war unsicher und eigentlich wollte ich lieber nicht in ihr leben.
Das Aufwachen war schön. Der leichte Wind den die Sonne mit sich brachte kühlte unsere Haut. Das Herumwerfen in der Nacht und das Auswringen der eigenen Sachen erhitzte uns jede Nacht. Die Flüssigkeit auf unseren Körpern wurde kalt. Wir stöhnten beide vor Müdigkeit und atmeten lauter. Aber helfen konnte uns das nicht. Wir mussten doch weiter. Klaudia stand zuerst auf. Sie streckte sich richtig um ihr Gehirn wieder mit Sauerstoff zu versorgen. Das machte sie schon etwas wacher. Ich wollte am liebsten meine Zunge heraushängen lassen um etwas von der Kälte zu spüren. Außer Flüssigkeitsverlust hatte ich aber nichts davon. Die Wüste war grausam. Ich hob meinen Körper an und stand auf. Ein heftiges Kopfschütteln, sollte meine Gedanken wecken. Mein Strecken sozusagen. Ich nahm Klaudia an die Hand solange es nicht zu warm dazu war. Wir bestritten den Rest des Berges. Bis zum Mittag hatten wir es geschafft. Es war doch noch ziemlich schwierig, aber wohl nur für unsere strapazierten Beine. Das Gefühl wieder auf dem Weg zu stehen war das Beste. Wie das Kind dass man sieht, dass einen die Schmerzen der Geburt vergessen lässt. Ich war mir wieder sicher wo es lang ging. Eigentlich durfte die Straße keine Unterbrechungen haben. Aber darüber durfte ich mir keine Gedanken machen. Das Schloss war nun das Zentrum meiner Gedanken. Es war doch weiter weg als zunächst erwartet. Doch die Straße befand sich zu ebener Erde. Nichts was man erklimmen konnte. Wer auch immer diesen Parcours gebaut hat, er war ein Sadist. Der Weg war geschlängelt. Ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten nicht eine Gerade? Aber es sollte noch lange hell genug zum Laufen sein. Die Hitze hieß mich Klaudia loszulassen. Wir stapften weiter durch die Wüste. Die Sandkörnchen knirschten unter unseren Schuhen und sprangen weg. Als Kinder bewunderten wir das immer bei den Erwachsenen. Sie waren wohl auch schon hier entlang gekommen – einige zumindest. Kleine hart gesottene Pflanzen brachen durch den Boden. Die Erde um sie herum war rissig, und ihre Blätter waren alles, nur nicht grün und frisch. Aber es reichte wohl zum Überleben für sie. Der Wind schien nur bei ihnen anzukommen. Wir spürten jedenfalls keinen. Diese kleinen Wesen die so viele sahen. Ihre Blätter zitterten. Sie schauten an uns vorbei, die Sonne an, und hielten den Blick über den ganzen Tag. Dieses kleine Leben das seine Schöpferin anstarrt, und bereits angekommen ist, an seinem Ziel. Die Reise von der unterirdischen Dunkelheit, durch die Erde, zur Sonne und dem Wind. Wir mussten das erst noch schaffen. Unser Weg wurde nicht kürzer wenn wir hier standen und die Angekommenen bewunderten. So liefen wir weiter Richtung Ziel oder zunächst einmal Richtung Burg. Das Château war inzwischen sehr groß geworden. Die Entfernung betrug nicht einmal mehr eine Viertel Laufstunde. Und die flüchtende Sonne ließ unsere Zuflucht dunkler und bedrohlicher erscheinen. Sie warf einen großen Schatten, in dem wir jetzt schon liefen. Einen Schatten der an uns zog und uns ins Château lockte.

II - Der Schlossherr



Es war gehauen aus Stein, über den sich eine schwarze Schicht gelegt hatte. Sie schien organisch zu sein. Der beißende Essiggeruch der von ihr ausging irritierte uns ein wenig. Aber wir konnten nicht darüber nachdenken. Um weiterzugehen mussten wir durch das Château, welches vor uns stand. Wir stellten uns vor das Tor und schlugen den Klöppel einmal an das graue Holz. Die morschen Pforten öffneten sich unter lautem Quietschen. Die Beschläge waren locker und erweckten den Eindruck als ob sie jeden Moment in die Tiefe – auf uns – stürzen könnten. Der Rost roch schon gar nicht mehr nach Metall und fraß sich stumpf immer tiefer, während er jeden Glanz von einstmals wegnahm. Der Anblick war schon seltsam. Diese alte Tür, die den Zugang zu diesem monumentalen Prachtbau aus solidem Stein darstellte, passte irgendwie so gar nicht in den Eindruck den das Schloss ansonsten hinterließ. Das Tor gab den Blick auf das Innere frei. Ein schwarz-weiß karierter Fußboden bildete die Einleitung die bis zu zwei Treppenaufgängen führte. Die Treppen trafen sich im ersten Stock mittig und führten zu einem Gang der sich unseren Blicken entzog. Zu hoch verliefen die Treppen und zu tief standen wir. Wir zögerten kaum, und begaben uns auf die klackenden Steine. Die Geräusche die sie dabei machten klangen durchaus normal. Schuh auf Stein eben. Aber das Muster verschob sich dabei vor unseren Augen. Eine einfach optische Täuschung die sich durch unsere Erschöpfung noch verstärkte. Unsere müden Augen schlurften über das Parkett. Sie wurden taub und legten sich schließlich zur Ruhe wie unsere Körper. Gerade s konnten wir uns mit unseren Händen aufhalten. Das hielt die Ruhe auch nicht fern, die in Schlaf mündete. Und der Schlaf kam. Ich träumte wild. Träume die einen sich umherwerfen ließen und den Ammoniak aus dem Körper trieben. Ständig wurde ich wieder in die Welt zurückgeholt, schlug meine Augen kurz auf, und versank wieder in eine ganz andere Geschichte die meine Seele ausgrub. Mein letztes Erwachen war anstrengend. Meine Träume waren aufgebraucht und ich wusste dass ich nicht noch einmal einschlafen würde, obgleich ich noch müde war. Die verschwommene Welt hörte auf sich vor meinen Augen zu drehen. Das Atmen klappte nur leidlich. Ich hatte keine Kraft meinen Mund zu öffnen, und presste die Luft durch meine Nase. Die Kräfte hatten meinen Körper verlassen. Sie schienen wie Wasser aus meinen Armen zu fließen und nur noch Schwere zu hinterlassen. Nichts hätte mich jetzt bewegen können. Wie ein Stein lag ich in einem Raum, der mir sehr bekannt vorkam.
Mein Blick wurde schärfer und ich erkannte ein großes geöffnetes Fenster. Der Wind spielte mit den dünnen, glasklaren Vorhängen. Es schien fast so als ob sie mich berühren wollten. Wenn sie wie ein Drachen auf der Luft lagen und flatterten. Die frische Luft tat mir gut. Ich konnte meinen Kopf zur Seite drehen und meine Umwelt begutachten. Ein großes Zimmer, dass zugegebenermaßen sehr altertümlich eingerichtet war. Die hellen Holzmöbel waren mit Gold beschlagen und alte, dünne Teppiche lagen auf dem Boden um einen Teil des Kirschholzparketts zu bedecken. An irgendetwas erinnerte mich das. Aber die Erinnerung befand sich ganz weit hinten in meinem Kopf, so dass nur ein seltsames Gefühl mich darauf aufmerksam machte dass ich diese Umgebung schon kannte. Es könnte sein dass ich mit meiner Familie schon hier war. Aber wenn, dann wäre es zu lang her als dass ich mich dran erinnern könnte. Es ist mehr so wie das Gefühl dass einige Menschen beim Besuch der großen Pyramiden beschreiben. Sie wissen genau dass sie schon einmal in den schmalen Gängen waren, obwohl diese 1000 Jahre alt sind. Ich hob mit aller Kraft meinen Arm zum Gesicht und wischte mir mit der Handfläche den Schweiß aus dem Gesicht. Er fühlte sich heiß an. Mein ganzer Körper war in diesem Zustand. Eine Schicht bedeckte ihn, und verhinderte das meine nach Abkühlung lechzende Haut ihren Willen bekam. Ich wischte mich an dem dünnen Tuch ab, dass mir wohl unbewusst als Decke gedient hatte und entließ meinen Körper in die Freiheit indem ich ihn entblößte. Der Luftzug der sich damit auftat, gab mir fast schon Befriedigung – so angenehm war er. Ich hätte mich einkleiden können. Meine Sachen lagen neben meinem Kopf. Aber ich beschloss meine neue Umwelt nackt zu erforschen. Zu drückend war die Hitze, die ich immer noch verspürte, obwohl der Himmel sich zugezogen hatte und keine Sonne zu entdecken war. Und zu beklemmend war die Vorstellung diese Hitze durch Stoff an meinen Körper zu binden. Ich versuchte aufzustehen. Es brauchte schon eine große Kraftanstrengung mich überhaupt in eine sitzende Position zu bringen. Was auch immer mich und Klaudia ohnmächtig werden ließ, es hatte es ganz schön in sich. Meine Kräfte wollten einfach nicht wiederkommen. Ich setzte meine Füße auf den Boden. Egal wie sehr ich mich abstützte, ich fiel immer wieder zurück. Den rauen Teppich spürte ich überdeutlich unter meinen Füßen. Auch den Krümel der zwischen meinem großen Zeh und den Zweiten hängen blieb. Das waren lange Minuten in denen einem wirklich Kleinigkeiten auffallen. Langsam kam zurück in meinen Kopf wie ich hierher gelangt war. Mein Unterbewusstsein meldete sich mit der vagen Erinnerung an eine weibliche Stimme, eine keuchende Stimme, die mich auf dem Weg in dieses Zimmer begleitet hat. Wahrscheinlich war sie es die mich hierher getragen hat. Denn da war noch eine andere Stimme. Eine deutlich maskulinere die sie befehligte. Mehr konnte ich jetzt nicht denken. Ich überließ mich wieder den tauben Strahlen der Sonne, die mich in den Schlaf trieben. Alles andere hatte Zeit. Denn dazu waren wir ja hier.
Als ich meine Augen wieder aufschlug war die Sonne im Begriff unterzugehen. Ich fühlte mich wie ein Anachronismus. Irgendwie war mir, als ob jetzt eine ganz andere Tageszeit sein müsste. Aber das wird noch eine Nebenwirkung des Was-auch-immer gewesen sein, dass uns überhaupt hierher gebracht hat. Ich stand mit starken Kopfschmerzen auf die in meinen Schläfen pulsierten. Meine Beine trugen mich zur Tür hinaus auf einen Korridor. Sie blieben stehen. Ich befand mich auf einem Teppich. Türen säumten ihn. Oder er die Türen? Ich wusste nicht so recht. Ich sah aber wohin er führte – zu der Veranda im Haus. Ich wollte mich erst einmal richtig umschauen. Hier war ja nichts zu befürchten – so erzählte man sich zumindest immer. Auch wenn unser Eintreffen hier einen anderen Eindruck hinterließ. Wer weiß was dies alles zu bedeuten hatte. Etzel würde uns ja noch empfangen. Sicher würde sich alles klären. Doch zunächst tastete ich mich am Geländer entlang um nicht darüber hinaus in den gähnenden Abgrund zu stürzen. Das kannte ich ja bereits. Dort lag ich schon, und die Fließen waren nicht angenehm. Wenigstens stand von hier oben aus das Muster vor meinen Sehorganen still. Dies war eine Heimstatt. Nicht die meinige, aber es war eine. Ich hätte mich auf die Steine legen, und dem Vertrauten lauschen können. Aber zunächst war ich wirklich sehr von meiner Neugier geplagt. Ich beschloss erst einmal unser neues Reich zu entdecken. Der Weg die Treppe hinunter schien mir dazu am besten geeignet. Unter den Treppen die rechts und links zu diesem Balkon im Haus führten, gab es Flure zu immer wieder neuen Gemächern. All diese wunderbaren Räumlichkeiten gehörten IHM. So viel wird von ihm gesprochen. Und bald würde er uns wohl zu sich holen lassen. Ich versuchte an eine der Türen zu klopfen. Der Schall trug mein Klopfen bis in das Deckengewölbe. Mit leichtem Druck öffnete ich die Tür. Das dunkle Zimmer war imposant anzusehen. Die dunklen, schweren Teppiche mit ihren Zotten, und das schwarze Mahagoniholz das grobem Porzellan ein Schutz war. Das mannshohe Fenster war dezent mit Glasmalerei verziert. Es stank hier nach Alter. Diese ganzen antiken Sachen, die nie benutzt und nie gereinigt wurden. Ich würde es wohl nie verstehen. Ich tat einen Schritt in den Raum. Gegen das Licht betrachtet, sah ich die winzigen aufgewirbelten Staubpartikel die sich langsam wieder auf den Möbeln absetzen wollten. Sogar Vasen aus fremden Ländern hatten ihren Weg in Etzels Sammlung geschafft. Das wunderte mich nicht besonders, angesichts all der Menschen die dieses Schloss bereits passiert haben. Ich hockte mich auf den schweren Teppich und fühlte an ihm. Er war so weich und einladend. Und die schweren Möbel die voller Kissen waren. Dies war wirklich ein äußerst einladender Ort.
„Kann ich Ihnen helfen?“ Fast hätte ich einen Schrei ausgestoßen. Mein Kopf fuhr herum, und meine Hände waren automatisch auf Kampf umgestellt. Obwohl es dazu wohl keinen Grund gab. Das Gesehene war ein großer, äußerst dünner Mensch – mit einem Schwalbenschwanz bekleidet. Er gehörte ganz offensichtlich zum Personal des Schlossherren. Seine streng nach hinten gekämmten Haare, ließen sein Gesicht hagerer wirken und gaben ihm noch zusätzlich ein lehrerhaftes Auftreten. Man sah ihm an dass das ernst halten des Gesichtes Muskeln beansprucht. Seine Augen blickten etwas taub drein und die Säcke unter seinen Augen erregten mein tiefes Mitleid. Ein altes Leben, dessen Erinnerungen ich nicht teilen wollte. Ich blieb in meiner Abwehrposition, um ihm ein Zeichen zu geben dass ich ihm misstraute. In mir tobte eine Stimme die mich warnte.
„Kann ich Ihnen helfen?“ wiederholte er sich. Eigentlich wollte ich weiter meine Neugier befriedigen und mich umschauen aber das konnte ich ihm nicht sagen. Ich gab vor, den Herren des Hauses gesucht zu haben. Da ich niemanden sonst in diesem Haus antraf den ich hätte fragen können war mir meine Lüge nicht einmal nachzuweisen. Wenn sie auch offensichtlich war. Er bedeutete mir, mit einer Geste, ihm zu folgen. Seine kerzengerade Haltung machte ihn sehr steif. Es war fast komisch anzusehen als er sich umdrehte um den Raum zu verlassen. Er war wirklich sehr dünn, und nur die Schulterpolster versuchten darüber hinwegzutäuschen. Ich folgte ihm aus dem Zimmer. Seine kühle Art griff nach mir, und bestärkte meinen schlechten Eindruck von ihm. Gerade im Empfangssaal, in dem wir vorhin gar nicht so freundlich empfangen wurden, verstärkte sich seine Aura. Aber da wir früher oder später sowieso empfangen worden wären....- Wieso nicht jetzt? Warum nicht durch ihn? Etzel schien ihm zu trauen. Ich wurde durch einen sehr langen Raum geführt, dessen Wände mit Bildern von Etzels Vorfahren geschmückt waren. Alle von ihnen haben hier gelebt heißt es. Sie alle haben zu allen Zeiten den Reisenden eine Unterkunft gegeben. Einige von ihnen trugen sehr aufwendige Rüstungen. Ihnen war das hohe Ansehen der Familie wohl schon immer sehr wichtig. Wieder andere wirkten eher eitel, denn jedes Detail im Hintergrund war genau abgestimmt. Die markante Nase aber einte sie und wies sie alle als Mitglieder ein -und derselben Familie aus. Eine große, gebogene Nase, die in jedem Bild den Vordergrund bestimmte. Durch meine Eltern kannte ich Etzels Vater. Er musste wohl am vorläufigen Ende der Ahnenreihe hängen. Ein sehr netter Mensch war er gewesen, der sich nicht ausschließlich mit meinen Eltern beschäftigte, sondern auch mir Aufmerksamkeit schenkte. Er machte gegenüber meinen Eltern immer vage Andeutungen, dass sie mich auf dieselbe lange Reise vorbereiten müssten. Leider kam es dazu nie. Aber eines haben sie mir hier beigebracht. Genau im Raum da hinten, au den wir gerade zuliefen erklärten sie mir wie wichtig es sei, die Reise durchzuhalten, niemals den Weg zu verlassen, und einfach weiterzulaufen, was auch immer vor oder hinter uns liegen würde. Dann sagten sie etwas, dass ich nicht verstand. Wahrscheinlich kann ich mich deshalb nicht mehr genau daran erinnern. Es hatte aber mit einem Brunnen zu tun. Nun denn, wir waren fast an der Pforte zum großen Empfangssaal angelangt. Der Mensch im Schwalbenschwanz entschwand ohne mich durch die Tür. Er würde mich anmelden und auf Wunsch von Etzel hereinbitten. So lief das hier ab. Kaum durch die Tür verschwunden, kam er auch schon wieder. Er hielt mir einen schweren Flügel des Saaleinganges offen. Ich trat ein. Fast das erste Mal in meinem Leben. Das erste Mal das ich der Reisende war der hier eintreten durfte und sollte. Hinein dürfen nur die Wandernden. Ein Vorfahre Etzels hatte das so bestimmt. Weiß Gott warum.
Dieser Prunk erschlug einen beinahe. Gold – wohin man blickte. Und alles mit Blume verziert. Die Ranken aus Gold und Edelsteinen zogen sich an allen Wänden entlang und wucherten über die Ecke, um sich elegant um den Kronleuchter zu wickeln, der tief in den Saal hinabhing. Der Boden war mit einem wertvollen Stoff ausgelegt der meine Schritte tonlos machte. Zwei Bänke standen zur Rechten und zur Linken von Etzels Thron. Sie waren dekadent ausstaffiert. Aber benutzt wurden sie wohl nicht. Von wem auch? Es gab ja niemanden weiter hier. Das schwarze Holz an den Wänden nahm etwas von dem Goldrausch hinweg der einen hier überkam. Und der Glanz ging langsam in matten Prunk über. Es begann mich weniger zu beeindrucken. Diese Sekunden hatte ich gebraucht. In der Mitte des Saales saß der Herr des Hauses und schaute mich zufrieden an. Er sah mit großem Amüsement wie beeindruckt ich war. Er erhob sich indem er sich mit seinen Händen von den Armlehnen nach oben drückte. Die Beine schonte er dabei. Vollkommen, bis zum Augenblick des aufrechten Standes. Sein Ornat war mit Goldfäden durchwirkt, und wirkte sehr altmodisch. Ein Kauz dem nur noch eine riesige Krone gefehlt hätte, um als verrückt abgestempelt zu werden. Er trabt auf dem roten Stoff entlang auf mich zu – die Hände zur Begrüßung ausgestreckt. Sein Gesicht wurde ganz schön ungeduldig. Als hätte ich ihn lange warten lassen und endlich och abgeholt. Ich wusste zwar nicht so recht wie ich reagieren sollte, entschied mich dann aber es ihm gleich zu tun, und die Arme zu einer begrüßenden Umarmung auszustrecken.
Wie lang hatten wir uns nicht mehr gesehen? Wenn ich wüsste wie alt ich genau bin, könnte ich es sagen. Aber so wichtig war das jetzt auch nicht. Er würde es schon noch erwähnen. Etzel hatte noch nie einen Besucher vergessen. So hieß es zumindest. Die Umarmung war gut. Er stützte mich und ich – ich fühlte mich wohl. Langsam löste er sich von mir. Jedoch ohne mich ganz loszulassen. Er führte mich zu einem der Canapés die am Rande standen und drückte mich auf den kostbaren Samt, der sich in seiner Feinheit wie Seide anfühlte. Er legte seine Hände auf meine und sah mich durchdringend an.
„Jedes Herz, eine Geschichte.“ sagte er. Ich begann meine zu erzählen. Er nahm dabei nie die Hände von mir. Und das war es auch was mich trieb immer weiter zu erzählen. Ich beschrieb ihm jedes Detail. Jeder der hier lang kam hatte Proxima durchquert. Er wusste längst wie die Stadt aussah. Vielleicht hat er sie selbst durchquert. Aber trotzdem erzählte ich immer weiter. Jemand wollte meine Geschichte hören und ich brauchte jemanden der sie mir abnahm. Mir die Last des Alleine-Wissens abnahm. Noch war ich dankbar erzählen zu dürfen. Ich würde es noch leid sein. Etzel hörte zu. Er schien jedes Wort aufzusaugen. Vielleicht war es ja weil schon länger keiner mehr hier vorbei kam. Das war nur eine Vermutung. Etzel gab sich keine Mühe sie zu zerstreuen. Er merkte nur resignierend an dass die Stadt wohl immer anziehender würde, da sie unaufhaltsam wuchs. Ich bemerkte damals nur am Rande Etzels nachdenkliches Gesicht. Ich selbst hatte den Kopf noch voll. Die Ereignisse in der Stadt waren wieder sehr präsent. Ich war auch ein bisschen stolz einer der wenigen zu sein, die stark genug waren. Etzel dachte wahrscheinlich an die Vorstellung dass die Stadt den Schlossgraben überspringt und plötzlich vor Türmen und alten Gemäuern Platz nimmt. Er würde das Tor öffnen und die Tür eines der Hochhäuser erblicken. Die Entwicklung war nicht aufzuhalten, ob Rück - oder Fortschritt, solange schwache Menschen da waren. Meine Beine, die sich anfangs noch unsicher unter die Bank geschoben hatte, kamen langsam hervor und streckten sich zum Thron ,dem Güldenen. Etzel merkte wohl dass seine Fähigkeiten als Zuhörer nicht mehr von Nöten waren. Er stand auf und bat mich dasselbe zu tun. Ohne dass seine Sorgenfalten auch nur ein wenig wichen geleitete er mich aus dem Empfangssaal. Den Gedanken, mich aus- und sich dort zum nachdenken einzuschließen sah ich ihm an. Sagte aber nichts, da er es nicht tat. Etwas besorgt blieb ich vor der Tür stehen. Irgendwie hätte das anders sein müssen. Keine Ahnung was falsch war, aber jetzt gerade erinnerte mich nichts mehr an meine hier – als ich ein Kind war. Ich ging den langen Gang entlang durch den ich hergelangt war. Die Bilder schienen irgendwie tiefer zu hängen. Denn obwohl ich während des Laufens den Boden anstarrte konnte ich noch Bilderrahmen und die Reiterstiefel der ehemaligen Schlossherren auf den Gemälden erkennen. Sie sahen makellos aus. Kein Abrieb oder Unebenheiten am Leder. Wie es auf Bildern eben ist. Ich ging genau in der Mitte entlang, so dass ich die Bilder nicht mehr sehen musste. Es war doch zu anstrengend über die Wirklichkeit dahinter nachzudenken. So fand ich mich in Gedanken versunken, am Ende des Ganges wieder. Rechts von mir der Raum, in dem ich unsanft erwischt wurde. Gerne würde ich noch einmal hineingehen. Die Tür stand noch, oder wieder, offen. Ich wusste es nicht. Ich wagte einen Blick hinein. Der Raum hatte irgendetwas von seiner Gemütlichkeit verloren. Auf meinem Weg vom Empfangssaal ist es ihm abhanden gekommen. Der Staub, den man gegen das Licht sehen konnte stieß mich heftig ab. Wie eine Wand die sich auf einen zu bewegt. Ich tat dennoch einen Schritt in den Raum hinein. Ich stand nur wenige Sekunden, da hörte ich auch schon Geräusche auf der Treppe. Schritte, mit leichter Sohle – nur ein leises klicken, dass mir verriet dass dieser unfreundliche Bedienstete auf dem Weg war. Wahrscheinlich auf dem Weg zu mir. Ich trat den Schritt den ich in den Raum hineintat, wieder zurück. Ich hatte recht. Ein strenger Blick musterte mich. Aber er traf dieses Mal auf einen ebenso felsigen Gesichtsausdruck. Fragend schaute ich ihn an.
„Das Essen ist serviert.“ Sagte er fast gleichgültig. Seine Stimme enthielt gerade so viel Wärme um ihn nicht unhöflich erscheinen zu lassen. Was wollte er nur? Warum war er so zu uns? Zu mir? Denn Klaudia war immer noch nicht bei mir. Den Diener wollte ich nicht nach ihr fragen. Er ließ mich am Fuß der Treppe stehen und bedeutete mir zu warten. Langsam ging er die Treppe hoch, und ging den zweiten Gang entlang. Den, aus dem ich nicht kam. Vielleicht holte er gerade Klaudia. Sicherlich sogar. Denn sie musste ja auch etwas essen. Aber meine Hoffnungen wurden enttäuscht. Nach wenigen Minuten kam er allein zurück. Was er wohl gesucht hatte? Seine Hände zumindest waren leer. Als er die letzte Stufe genommen hatte, gab er mir mit einer Handbewegung zu verstehen, dass ich ihm weiter folgen solle. So schwierig war das Schloss nicht aufgebaut. Unter der Treppe führten 2 Gänge lang, einer links und einer rechts. Links war ich bereits, der antike Raum und der Empfangssaal befanden sich dort. Rechts gab es noch immer Überraschungen für mich. Ich rechnete auf jeden Fall mit einem Speiseraum. Nur deshalb musste ich diesem bonierten Menschen folgen. Ich wollte aber wissen was sich hinter den anderen Türen dem Licht verweigerte. Fragen wollte ich nicht. Also musste ich dem Diener meine Fragen aufzwingen. Ich blieb einfach stehen. Erstaunt, nur noch zwei Füße auf den Steinen zu hören, tat er dasselbe. Er wendete sich etwas fordernd zu mir. Ich ging auf eine Tür zu. Sein Fragen ob ich ihn denn nicht weiter zum Essen begleiten wolle, prallte zwar auf meine Ohren, aber an meinen Stimmbändern ab. Ich nahm den Türknauf in die Hand.
„Es ist eine Bibliothek.“ Kam es von weit her. Der Diener lief bereits weiter und drehte nur den Kopf um mir diese Information zukommen zu lassen. Wenn ich nicht komplett unhöflich sein wollte, musste ich ihm wohl weiter folgen. Ich würde ja noch genug Zeit haben, mir alles ausführlich anzusehen. Er führte mich den Gang entlang auf eine Flügeltür zu, die nicht ganz so prunkvoll war wie die des Empfangssaales. Sie war beinahe schon hübsch anzusehen. Wir traten ein. Der Raum war eher dunkel. Nur ein paar Kerzen, die in kleinen Abständen auf der Tafel standen, bildeten eine Lichtglocke um den Ort des Geschehens. Die Tafel ist kürzer geworden sagte mir meine Erinnerung. Das konnte aber auch daran liegen das seitdem viel Zeit vergangen ist, oder an der Tatsache dass heute Ich an ihrem Ende sitze. Obwohl ich mich zu erinnern glaubte dass der Raum hier früher ausgefüllter war durch die Tafel. Jetzt wirkte er ja schon fast spartanisch eingerichtet.
„Es kommen nicht mehr so viele bis hierher.“ Unterbrach Etzel meine Gedankenkette. Vielleicht wäre ich noch selber zu dieser Vermutung gelangt. Er bot mir einen Platz an, und ich setzte mich direkt ans Kopfende. Ich wusste nicht ob das das Unhöflichste oder das Manierlichste war was ich tun konnte. Ich wählte den Platz, der mir ermöglichte Etzel gegenüber zu sitzen und direkt in die Augen zu schauen. Andererseits konnte ich nicht weiter entfernt sein als auf diesem Stuhl. Nun saß ich hier und tat so als hätte er genau diesen Platz gemeint. Etzel schien sich aber keine Gedanken darüber zu machen. Er legte sich die Serviette auf den Schoß, und blickte dabei über die Tafel auf das aufgetragene Essen. Es schien seinen Appetit nicht anzuregen. Jedenfalls machte er nicht den Eindruck als ob ihm die Zeremonie große Freude bereite. Für mich jedenfalls war es das Beste was ich je an Essen erblickt habe. Ich konnte meine Augen gar nicht von diesem Anblick wegzwingen. Der Speichel in meinem Mund lief zusammen. Was für ein Festmahl für alle Sinne. Meine Augen konnte ich ja schließen, aber meine Nase nicht. Ich konnte es kaum erwarten. So dringend dass ich sogar vergaß mir die Serviette zurechtzulegen. Das Fleisch duftete so stark gut, dass ich es förmlich schon schmecken konnte. Der heiße Dampf schien auf dem Weg zu meiner Nase zu sein, und ich wollte einfach nur essen. Und ich konnte mir nicht vorstellen dass alles Essen auf der Welt mich satt machen könnte. Das Obst funkelte. Es hatte keine faule Stelle. Es waren einfach nur perfekte pralle Früchte. Die silberne Schale auf der sie lagen, gab ein nebeliges zweites Bild von ihnen wieder. Die Suppe die vor uns dünn in kleinen Tellern schwamm und vor sich hin kühlte, kam mir vor wie ein Hindernis auf dem Weg zu all diesen Köstlichkeiten. Ich nahm nur widerwillig den großen silbernen Löffel in die Hand. Still begann ich zu löffeln, während Etzel noch ein kurzes Tischgebet sprach. Vielleicht war das unhöflich von mir, aber Etzel würde das schon verstehen. Ich war ja nicht sein erster Gast. Während ich die letzten Löffel Suppe zu mir nahm, kam dieser Bedienstete herein. Er ging auf Etzel zu. Ich glaubte er mache eine Verbeugung, aber er senkte seinen Oberkörper um Etzels Ohr zu erreichen. Er flüsterte ein paar Worte hinein. Allein aus der Tatsache heraus, dass dieser Kerl mir seltsam vorkam hätte ich unter normalen Umständen versucht die Worte von seinen Lippen abzulesen. Aber Hunger ist nie ein normaler Umstand. So beschäftigte ich mich weiter mit meiner neuen Mahlzeit – einer Keule dieses köstlichen Bratens – während Etzels Diener sich leise entfernte. Ich riss ein großes Stück Fleisch mit den Zähnen vom Knochen. Ich beschmierte mich mit Soße bis zur Nase hoch und es war mir egal.
„Nun?“ hörte ich Etzels geübte Stimme. Geübt im Umgang mit Menschen. Geübt darin einen aufmerksam zu machen und zum hören zu zwingen. „Klaudia wird uns wohl keine Gesellschaft leisten.“ Wir aßen weiter. Er gesittet, ich wie ein Tier. Doch in meinem Kopf überlegte ich mir bereits dass ich nach dem Essen Klaudias Zimmer aufsuchen wollte. Sie musste doch auch Hunger haben. Das war wirklich sehr ungewöhnlich. Als ich bemerkte dass mein Heißhunger weggegessen war, entschloss ich mich bereits ihr selbst etwas zu bringen. Ich fragte Etzel ob er einverstanden sei. Die Führung durch das Schloss konnten wir ja verschieben. Ich nahm den Teller der an der breiten Seite des Tisches stand und bedeckte seine Oberfläche mit haufenweise Köstlichkeiten, von allem etwas. Meine Gedanken an Klaudia kamen langsam wieder. Ich suchte Etzels Blick, der lange von einer fast ganz heruntergebrannten Kerze gefangen wurde. Als ich ihn erheischte, nutzte ich die Gelegenheit mich von ihm zu verabschieden. Natürlich bemerkte ich, dass er den Blick nur widerwillig auf mich warf, und auch nur deshalb weil ich lange genug mit vollem Teller am Tisch stand. Er nickte müde, und versenkte sein Gesicht gleich danach mit geschlossenen Augen in seinen Händen. Das konnte mich aber gerade nicht stören. Im Gegenteil! Ich sah mich ermutigt, ihn allein zu lassen. Mir selbst einzureden er wolle ungestört sein passte zu meinem egoistischen Wunsch endlich Klaudia zu sehen. Aber es war ja bekanntlich nicht alles genau so wie wir es wünschten, dass es sei. Ich verließ den Saal und betrat gleichzeitig mit gedämpftem Schritt den Korridor den ich entlangzugehen versuchte. Er schien mir plötzlich gleichsam länger zu sein, als auf dem Hinweg. Man konnte zwar das Ende sehen, aber aus unbestimmten Gründen kam es mit jedem Schritt, kein Stück näher. Rennen hätte einen Widerhall verursacht, den ich vermeiden wollte. Des weiteren hielt ich es für unangebracht den Eindruck zu erwecken vor dem Schlossherren zu flüchten. Langsam kam auch das Ende des Korridors näher. Die vielen vielen Türen an denen ich vorbei lief sagten mir zwar etwas anderes, aber ich wollte meinen Augen trauen. Die Türen wurden in der Ferne immer kleiner und hatten gar keine Abgrenzung mehr zueinander. So viele waren da. Ich wollte unbedingt wissen was sich dahinter verbarg. Kurz hielt ich inne. Ich wollte nur wissen ob diese Räume von anderen Reisenden bewohnt wurden. Ich näherte mich einer beliebigen Tür, im Meer der Türen, und hielt mein Ohr an das robuste Gehölz. Ich vernahm nichts auf der anderen Seite. Aber ich wertete das als Verdienst der dicken Tür. Ich würde sie aufmachen, nachdem ich bei Klaudia gewesen bin. Kurz hielt ich noch inne und überlegte meine Neugier sofort zu befriedigen. Aber ich hatte Etzels Tafel wegen Klaudia verlassen, also würde ich jetzt zu Klaudia gehen. Der Teller in meiner Hand hatte sich bereits abgekühlt nachdem er sich durch den heißen Braten sehr schnell erwärmt hatte. Ich sollte mich also etwas beeilen. Als ich tatsächlich das Ende des Ganges erreicht hatte, kam mir ein wirklich seltsamer Gedanke. Er war so seltsam, dass ich loslachen musste. Seltsam war dass ich diesen Gedanken erst jetzt hatte. Und seltsam war auch dass es mich gar nicht irritierte. Tatsachen irritieren. Das tun sie meistens. Aber diese Tatsache war so klein dass sie eigentlich keine Konsequenz hätte haben dürfen. Diese hatte sie aber. Ich wusste gar nicht wo Klaudia war. Ich wusste gar nicht wo ich hingehen sollte. Ich pustete stoßweise in mich hinein. Mein Grinsen stand in keinem Verhältnis zu meinem schwachen Lachen. Aber innerlich war ich so belustigt dass mein Gesicht einfach nicht anders konnte. Ich würde erst einmal die Treppe herauf gehen wenn ich mich beruhigt hatte. Denn hier unten war sie wohl kaum untergebracht. Die ganz offenen Räume waren viel wahrscheinlicher. Ich ging die Treppe in der Mitte hoch. Das heißt, eigentlich ging ich nur am Anfang in der Mitte. Ich entschied mich dann aber für die rechte Seite. Vielleicht hatte das etwas mit meinem Kopf zu tun, und der Tatsache dass mein Zimmer auch auf der rechten Seite war. Ich öffnete die erste Tür auf dem Gang. Nichts. Ein Zimmer das schwarz-weiß im Raum stand – aber ohne Klaudia. Die Möbel lugten unter weißen großen Tüchern hervor, die sie bedeckten. Alles war mit einer weißen Schicht überdeckt. Ich verstand das nie. Die Möbel wurden vor Staub verschont, aber auf den wessen Tüchern, lag eine große graue Schicht. Sobald man die Tücher abnehmen würde, würde der Staub in die Luft wirbeln und sich anschließend auf die Möbel setzen. Man konnte nichts vor dem Staub schützen. Aber das musste wohl so sein. Das Gefühl es trotzdem zu versuchen. Dieser Raum war jedenfalls nicht der Richtige. Ich musste weiter. Aber auch die nächsten Räume waren leer. Erst der echte Raum, meiner, war möbliert und duftete nach Mensch. Die Sonne ging langsam unter und ich schloss die Tür behutsam, als o mich jemand dabei beobachtete, und ging auf den nächsten Raum zu. Ich hatte das Gefühl dass Klaudia genau neben mir war und genau so war es auch. Die Tür stand einen breiten Spalt offen. Ich öffnete sie ganz.
Die Sonne brannte direkt in ihr Zimmer. Alle war von einem blendenden Orangeton erfüllt. Noch etwas was ich nie verstand. Warum sagten immer all die Sonne sei rot, wenn sie untergeht. Rot ist doch eine viel zu starke Farbe für das menschliche Auge. Deshalb war sie orange. Und da, in dieses Orange eingehüllt, saß sie. Wie sie auf ihre Knie starrte fand ich seltsam. So etwas hatte ich an ihr noch nie gesehen. Ich ging auf sie zu und achtete dabei darauf keine Geräusche zu erzeugen. Irgendwie hatte ich das Gefühl das würde sie stören. Ich hockte mich neben sie und legte ihr den Teller auf den Schoß. Sie nahm ihn in beide Hände, aß aber nichts.
„Du musst etwas essen. Ich glaube dir nicht dass du nicht hungrig bist.“
„Es gefällt mir hier nicht. Lass uns hier weg gehen. Es ist beklemmend.“
„Wir haben endlich eine Zuflucht gefunden.“ Warf ich energisch ein.
„Dies ist keine Zuflucht.“
Ich stand auf und ging einen Schritt von ihr weg. Sie begann zögerlich einen Bissen ihres Essens zu nehmen. Solche Leckereien, und sie schmeckten ihr nicht. Sie hörte nicht auf, ihre Knie anzustarren aber ihre Mimik verzog sich dabei zu einer Fratze. Ich glaube es war Ekel. Irgendwie konnte ich ihren Gedanken nicht folgen. Wenn ich sie jetzt mit diesen allein ließ, wäre das wohl das Beste. Ich drehte mich um und verließ den Raum. Vielleicht war ich ja wütend, denn ich gab nicht mehr darauf Acht ob ich Geräusche verursachte. Beim Betreten des Korridors fiel eine Last von mir ab. Ich war mir nicht sicher ob Klaudia diese Last war oder die Tatsache dass sie endlich etwas zu sich nahm. Fakt war nur, dass ich mich eben in diesem Raum sehr unbehaglich fühlte. Beim Gang über den Korridor hörte ich sie noch eine Weile laut und schwer atmen. Aber auch das wurde leiser und verstummte als ich an der Treppe war. Das war hier irgendwie alles Grund zur Sorge. Warum war hier alles anders geworden, außer das Schloss selbst? Gedankenverloren schlenderte ich die Treppe herunter. Ich wurde bereits empfangen. Allerdings merkte ich das erst nachdem dieser gefühlsmäßige Stein eines Butlers sich als Wand in meinen Weg stellte. Etwas sehr erschrocken fuhr ich zurück. Sofort danach kam mir der Gedanke dass nur Schuldige erschrecken. Er schien wohl dasselbe zu denken denn er fragte sofort argwöhnisch wohin mein Weg mich führe. Ich lächelte innerlich weil ich dachte dass ich das erst wüsste wenn ich angekommen wäre. Und ich lächelte äußerlich um Selbstsicherheit zu heucheln und sagte: „Ich kann mich hier frei bewegen so weit ich weiß.“
„Soll ich meinen Herren holen damit er ihnen das Schloss zeigt?“ fragte er etwas spöttisch. Ich mochte den persönlichen Ton nicht den er in meinen Ohren anschlug.
„Das müssen sie nicht.“ Ich sagte es und hatte mich schon um ihn herumgewunden. Zufrieden, ja eigentlich fast befriedigt lief ich Richtung Speisesaal. Ich wollte diese Türen ausprobieren. Vor der ersten machte ich Halt. Andächtig, so als ob dies ein wichtiger Augenblick sei, hielt ich inne. Vorsichtig, ja beinahe schon sorgsam drehte ich den Türknopf. Die Tür quietschte sehr laut. Sie wurde wohl schon lange nicht mehr geöffnet. Seltsam dass die anderen Reisenden nicht dieselbe Neugier hatte wie ich. Ein vorsichtiger Blick und sie war befriedigt. Voll und Ganz. Ich hatte nicht einmal das Bedürfnis die Tür ganz zu öffnen und den Raum zu betreten um mich umzuschauen. Ich schloss sie sogar wieder. Der Inhalt dieses Raumes war nicht von großem Interesse für mich. Ich wandte mich dem nächsten Zimmer zu. Aber auch dort wurde ich enttäuscht. Hier war es genau dasselbe. Wozu hatte Etzel das alles? Er konnte es ja unmöglich selber alles gebrauchen. Ich ging vor zur letzten Tür. Es konnten ja nicht in jedem Raum diese nutzlosen Dinger stehen. Auch wenn meine Neugier nicht mehr so schnell wuchs wie bei der ersten Tür, so war doch meine Enttäuschung umso größer. In diesem Raum, wie in allen vorigen – nur Bücher. Bücher die in dunklen Regalen stehen, die in dunklen Räumen stehen. Jetzt interessierte mich doch was in diesen alten Manuskripten stand. Es musste eine tiefere Bedeutung für Etzel haben, obwohl der Raum schon länger nicht mehr betreten wurde. Die hohe Staubschicht verriet mir dass keine Menschenseele diesen Ort betreten hatte – zumindest seit 100 Jahren. Meine Schuhsohlen versanken darin. Irgendwie amüsant. Denn jetzt konnte ich mein hier -sein nun wirklich nicht mehr leugnen. Meine Spuren führten direkt zum ersten Regal. Meine Hände griffen wahllos nach einem Buch. Es war sehr alt, und meine Finger hinterließen Abdrücke auf dem staubigen Einband. Ich hatte das Gefühl etwas sehr fragiles in meinen Händen zu halten, obwohl das Leder aus dem der Einband war, noch sehr stabil und geschmeidig wirkte. Ich schlug es auf. Ich sah ein Bild von einem Mann in einer schweren Rüstung, so wie es auf dem Korridor zum Empfangssaal hing. Darunter stand: „Kaspar IV.“ Die folgenden Seiten beinhalteten seine Biografie. Eckdaten seines Lebens, sowie eine detaillierte Beschreibung all seiner Besonderheiten und Neigungen. So eine Familie wie die von Etzel brauchte natürlich eine Familienchronik. Ein Symbol ihrer großen Bedeutung. Keine Zahlen die über Krieg und Frieden, Gewinn oder Verlust Auskunft gaben. Derartiges gab es hier schließlich nicht. In diesem Schloss waren andere Sachen würdig in die Chroniken geschrieben zu werden. Die Personen die während der Amtszeit des jeweiligen Schlossherren hier durchreisten. Kaspar IV. vermerkte in seiner Liste sogar die mitgereisten Kinder. Es wäre interessant zu wissen wie viele von ihnen es geschafft hatten wiederzukommen. Aber das Buch war sehr dick, es schienen also viele zu sein. Ich schlug das Buch halb gleichgültig zu: Was interessierten mich die Menschen von vor 1000 Jahren? Sie waren lange tot und niemand mehr erinnerte sich ihrer Namen. Interessant für mich waren lediglich 2 Namen. Die einzigen Bekannten in diesem Bücherlabyrinth. Ich ging in die hinterste Ecke des Raumes. Die Monster der Vergangenheit griffen aus jeder Regalreihe nach mir. Aber ich konnte sie ignorieren und mich losreißen von ihnen. Mich interessierte nur ein Monster. Eines das ich schon lange nicht mehr gesehen habe, und dem ich doch noch einmal in die Augen schauen wollte. Ich kam an der letzten Regalreihe an. Ein Licht reckte sich mir entgegen, ein sehr seltsames Licht. Es war nicht sehr hell, konnte jedoch die hinter mir liegenden Regale in Dunkelheit tauchen. Ich ging darauf zu. Ich war etwas überrascht. Es war ein ziemlich neues Buch. Das Leder glänzte noch vor Glätte und kein einziges Staubkörnchen hat bis dahin seinen Weg auf die Seiten gefunden. Ich bückte mich um die Aufschrift auf dem Buchrücken erkennen zu können. Es war das letzte Buch, ganz hinten, ganz unten, ganz rechts. Es war das Letzte was noch in diesen Raum passte. Aber es war nicht das Buch nach dem ich auf der Suche war. Aber 2 Bücher links daneben wurde ich dafür fündig. Ich hob es hoch. Der Einband war schon leicht zerfallen, wahrscheinlich eher aufgrund von Benutzung statt durch Alter. Denn es gab hier vergleichsweise bedeutend ältere Exemplare. Ich schlug es auf. Fast fielen ein paar Seiten heraus. Ich musste aufpassen. Ich hätte die verlorenen Seiten nie wieder so ordnen können wie derjenige der sie beschrieben hat. Aber dieser Jemand war nicht mehr. Ich blätterte weiter, und fand was ich suchte. Die Einträge unter Etzel I. Vor 200 Jahren war das. Er hatte seine Chronik lückenlos geführt. Ich fand sie sofort. „Mercredi und Wenzel mit Sohn“. Darunter ein Vermerk: „Ankunft: Nein“ Sie hatten es nicht geschafft das Ende zu erreichen. Jetzt wusste ich es. Alles an was ich mich noch erinnern konnte war der Steinbruch, der unsere nächste Station sein würde. Dann waren sie weg und alles ist zerflossen wie Schaum. Ich erinnere mich einfach nicht. Aber nun habe ich wenigstens darüber Gewissheit. Mehr wollte ich gar nicht. Ich schlug das Buch wieder zu. Ein Staubnebel bestrafte das. Die grauen Partikelchen schienen im Dunkel zu glänzen. Fast wie ein Glitzern aus einer anderen Zeit. Ich stellte das Buch behutsam wieder in das Regal. Nun, da ich wusste was sein Inhalt war, schien es mir unheimlich wertvoll. Ich konnte es nicht einfach zurücklegen, wie man das bei Büchern sonst tut. Ich musste es so langsam tun dass ich das Gefühl hatte eine Zeremonie zu zelebrieren. Ich brauchte und hatte das Gefühl etwas wichtiges zu tun, einen Augenblick zu erleben an den ich mich später genau erinnern würde. Ich wollte dass ich etwas von mir mit ins Regal stellte, als wären meine Hände mit dem inzwischen angewärmten Leder verbunden. Eine tiefe Stille gab nur dieses Gefühl. Ich konnte den Staub zu Boden schweben hören. Und ich konnte hören wie das Leder der Einbände sich weitete von der Wärme die diesem Raum von meinem Körper gegeben wurde. Ich ließ das geliebte Buch los, und befand mich wieder in einem dunklen Raum ohne Magie und ganz ohne Geräusche. Doch bevor ich aufstand und den Raum verließ, wollte ich doch wissen was in dem leuchtenden Buch stand. Es würde doch eine besondere Bedeutung haben, wenn es so gülden glänzte. Also begab ich mich einen Schritt zur Seite, so dass ich es genau anblickte. Es war das Buch was gerade gefüllt wurde. Es war das in dem auch wir bald stehen würden. Es war das Buch in dem Etzels Geschichte stand und in der Nacht in der wir gehen würden, würden unsere Namen auf die dicken Seiten gekritzelt werden. Ich schlug es auf. Und da im ersten Drittel des Buches, die Seite die ich gerade überblätterte – da geschah etwas. Als ich gerade zurückblätterte sah ich nur noch wie ein kleiner Punkt entstand. Ein Satz wurde gerade vollendet. Und als ich ihn las, begann der Raum von neuem sich zu erwärmen und zu leuchten. Doch diesmal lag das wohl an mir. Mir wurde warm und ich begann zu schwitzen. Was sollte das bedeuten? Auf der Seite die aufgeschlagen war, standen unsere Namen und daneben das Datum von morgen geschrieben. Klaudias und meiner.
Wieso war das so? Ich verstand gar nichts, denn das würde ja bedeuten dass wir in der nächsten Nacht das Schloss verlassen würden.

III - Das Verlassen des Schlosses



Ich ließ das Buch fallen. Wir wollten noch nicht weg. Was könnte uns dazu veranlassen? Betroffen hockte ich mich wieder hin um das Buch auszuheben. Ich warf einen letzten Blick auf die fragliche Seite, um auch wirklich sicher zu gehen dass da stand was ich eben gelesen hatte. Es war kein Zweifel mehr möglich. Ich stellte das Buch verwirrt ins Regal zurück, stand auf und wollte das Zimmer verlassen. Einen kurzen Augenblick überlegte ich, mich hier einzuschließen. Aber ich wollte wissen was es damit auf sich hatte. Ich verließ das Zimmer ganz leise, in dem Glauben dass alles schlafen würde. Als ich die Tür vorsichtig schloss, kam mir die Idee Etzel zu fragen. Er würde doch sicher wissen, was vor sich ging. Ich wusste zwar nicht wo Etzels Schlafgemach war, aber das würde ich schon finden. Wenn nötig musste dieser schreckliche Diener mir helfen. Die Sache hatte nicht bis morgen Zeit, denn dann würde ich bereits weg sein. Ich wollte beginnen sein Gemach im ersten Stock zu suchen, da hörte ich ein leises Lachen. Ein gemeines Lachen dass aus dem Speisesaal schlich. Was war das? Sollte das die nächste Überraschung sein, oder gar der Grund unserer Abreise? Ich trat näher und vernahm auch ein flackerndes Kerzenlicht. Die Kerzenständer vom Abendessen waren einer einzigen kleinen Kerze gewichen, die bald zu erlöschen drohte. Ich hielt mein Ohr an die Tür, und hörte leise Etzels Stimme. Sie klang sehr alt und traurig. Wem mochte er um diese Uhrzeit etwas erzählen? Ich versuchte ein paar Worte zu erhaschen. Es war nicht ganz vergebens. Ich erfuhr das Nötigste:
"Was sollen wir sonst machen? Die Stadt kommt immer näher. Irgendwann ist sie direkt vor unserem Tor, oder sie wird um das Schloss herumbauen. Es ist alles so aussichtslos. Es kommen schon jetzt nur noch alle 100 Jahre Menschen. Alle bleiben sie in der Stadt. Und die die es schaffen, haben ihre Begleitung meist an die Stadt verloren wenn das ging." Nach langem Schweigen fügte Etzel hinzu: "Vielleicht ist es besser dass die die nicht füreinander bestimmt sind, getrennt werden." Das erste Mal sagte der Andere im Raum etwas. "Ja, vielleicht." Ich erkannte seine Stimme. Es war dieser Diener. Warum saß er bei seinem Herren am Tisch. So etwas hatte es einst nicht gegeben. Es war hier wirklich gar nichts mehr wie früher. Ich wusste nur nicht ob meine Erinnerung mich belog oder ob hier wirklich alles anders war. Etzels Stimme weckte mich aus meinen Gedanken auf.
"So lange lebe ich auch nicht mehr. Wir sind nun einmal nicht unsterblich. Ich habe keine Nachfahren. Wie hätte ich das auch machen sollen? Wenn niemand hier ist, oder nur mit Psychopompos? Was soll aus dem Schloss werden?" Ein Windzug schloss abrupt die Tür. Mit einem Knall fiel sie ins Schloss. Ich habe mich so erschrocken, dass ich beinahe einen Schrei ausgestoßen hätte. Der Strom fuhr durch meinen Körper bis in die Fingerspitzen. Das saß tief. Leider konnte ich jetzt nichts mehr hören. So ein Pech. Meine Neugier war während des gesamten Gesprächs immer mehr gewachsen. Und wenn es so spannend wurde, schloss sich natürlich die Tür. Hoffentlich nur, kamen Etzel und dieser seltsame Kautz von einem Butler nicht auf die Idee nachzusehen, was die Tür geschlossen hatte. Auch wenn ich nicht Schuld war muss es auf die beiden gewirkt haben, als ob sie sich durch fremde Hand schloss. Ich beschloss schnell in mein Zimmer zu fliehen. Die Dunkelheit, die die Nacht mit sich brachte, würde mir auch helfen. Ich lief leise aber zügig zu meinem Zimmer. Dort angekommen bemerkte ich dass Etzel sich wohl doch nicht die Mühe gemacht hatte nachzusehen. Aber noch etwas Anderes zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Es brannte noch ei ganz kleines, dumpf schimmerndes Licht in Klaudias Zimmer. Der Schatten der Kerze flackerte wild umher, und das Licht wummerte auf dem Flurboden. Ich ging darauf zu, achtete aber darauf keine Geräusche zu machen um Klaudia nicht zu wecken, falls sie schlief. Aber das tat sie nicht. Ihre Atmung war nicht entsprechend. Das hörte ich sofort als ich sie vernahm. Das traf sich gut. Denn ich wollte und brauchte jetzt ihre Gesellschaft. Ich betrat leise den Raum. Eine erschlagende Wärme überraschte mich, die wohl daher rührte dass sie das Zimmer nicht verlassen hatte. Klaudia saß inmitten des Zimmers und strahlte sie einfach aus. Wie eine Sonne, die einen wärmt, aber auch verbrennen kann, ohne auch nur Notiz davon zu nehmen. Ich aber fühlte mich einfach nur angezogen von dieser Vertrautheit und der Wärme. die sie von der Mitte des Raumes ausstrahlte. Meine Göttin.
Ich kam zu ihr, und berührte leicht ihre Schultern um ihr zu zeigen, dass ich in liebevoller Absicht gekommen war. Mein kleines Etwas. Ich wollte ihr erzählen von den Sachen die sie nicht gehört und gesehen hatte. Aber dies war wohl nicht der richtige Moment, obwohl ich spürte dass es fast weh tat sie nicht zu fragen.
Ich hockte mich vor sie und legte meinen Kopf in ihren Schoß. Der Schaukelstuhl kam durch mein Gewicht etwas auf mich zu. Es war so nicht bequem, aber ihre Hände zuseiten meines Kopfes, die ihn umfassten, machten es dann doch dazu. Mein Gesicht drückte sich ganz von selbst in ihren Schoß, der so warm war dass ich ihn gar nicht verlassen wollte und beinahe erstickt wäre. Nein, heute konnte ich es ihr wirklich nicht mehr sagen. Ich stand auf, zog sie aus ihrem Schaukelstuhl und brachte sie zu Bett. Ihr Frieden war nur kurz gestört. Sie schlief fast augenblicklich ein. Ich bettete mich neben sie und schaute sie noch eine Weile an. Der Schaukelstuhl bewegte sich noch und quietschte etwas. Ich habe das Ende seiner Bewegung nicht mehr wahrgenommen. Ich glitt langsam weg in mein Unterbewusstsein, wo Ruhe herrschte. Ein Kuss und langer Schlaf. Der nächste Tag der vielleicht schon da war, stellte uns vor große Rätsel. Dafür holten wir uns Kraft, erholten uns aber auch von dem Wissen darüber. Und da gab es viel von dem man sich erholen konnte. Ein freiwilliger Schlaf, stellte ich am Morgen fest, ist tiefer und erholsamer als einer der mit Gewalt herbeigeführt wurde. Wahrscheinlich vor allem dadurch dass einem die Schmerzen erspart bleiben.
Am nächsten Morgen wachte ich genau in der Position auf, in der ich mich gestern platziert hatte. Ich schien mich nicht bewegt zu haben. Überraschenderweise tat mir nichts weh, wo ich doch in so einer ungewohnten und wenig bequemen Position verharrte. Das lag wohl an Klaudias Ruhe. Ihre lieben Hände waren schon munter, und strichen mir beruhigend über den Kopf. Auch wenn Klaudias restlicher Körper so gar nichts von der Ruhe der Hände hatte. Sie schaute unstet durch das Zimmer, so als ob sie sich nicht sicher ist, wo sie sei. Ihre Augen tasteten sehr flink jeden Gegenstand ab. Wenn sie hoffte sich zu erinnern – wovon ich ausging – dann würde sie wohl ziemlich bald schon enttäuscht sein. Diese Gegenstände waren so konzipiert und platziert dass sie bei niemandem eine Erinnerung hervorriefen, sondern nur das unbestimmte Gefühl der Heimat. Das Gefühl, hier alles zu kennen. Hier war jeder schon einmal in seinem Leben. Aber den Ort wirklich mit einem guten Gefühl wiederzuerkennen, erst das macht „Heimat“ aus. Doch niemand schaffte es sich die Bilder der Menschen wieder ins Gedächtnis zu rufen, so wie sie waren. Dazu war dieser Ort auch nicht bestimmt. Dieser Ort war dazu da, für alle die „Heimat“ mit einem unbestimmten Gefühl zu verbinden, dass auf irgendeine absurde Weise unbefriedigend war. Und bei Klaudia ganz besonders. In diesen Hallen, hatte sie ihre Eltern das Letzte Mal gesehen. Genau hier sollte ihre Heimat sein. Dort wo sie ihre Heimat verloren hat. Und ich war sicher, dass genau das sie beschäftigte. Aber genauso sicher war ich auch dass wir hier nicht lange sein würden, auch wenn ich nicht genau wusste wieso das so sein sollte. Es war Zeit für das Frühstück und ich haderte, Etzel von dem Buch zu erzählen. Ich hatte keinen Schimmer warum aber ich versuchte mich selbst davon zu überzeugen dass er auch keine Antwort wüsste.
Das Essen war bereits angerichtet als wir in den Speisesaal kamen. Und Etzel hatte, entgegen aller Etikette bereits Platz genommen. Er sah mitgenommen aus, und alt – sehr alt. Also ob er viele Nächte nicht mehr geschlafen hätte – ja so sah er aus. Aber Klaudia machte denselben Anschein. Ich wusste zwar nicht wie ich aussah, aber es kam mir so vor, als wäre ich der Einzige der richtig wach war. Und augenscheinlich war der Einzige der redete, und die überschaubare Masse unterhielt, bis auch ich verstummte. Was war hier bloß im Gange? Ich konnte niemanden wiedererkennen. Alles lediglich Schatten ihrer selbst.
Wir aßen bedächtig auf, und schoben unsere geleerten Teller unbeholfen hin und her. Es kam keiner, der abräumte und ein Tischgespräch wollte einfach nicht entstehen. Wir waren unbeholfen und verschüchtert. Ich weiß nicht, wann ich mich das Letzte Mal so gefühlt habe. Die Kerzen schienen mit flackern aufzuhören, so sehr hatte ich sie mit meinen Augen fixiert. Sie schien mir gar immer dunkler und dunkler zu werden, bis es fast ganz finster war, obwohl sie nicht erlosch sondern immer noch vor meinen Augen mit einer leichten Brise spielte. Ja, meine Gedanken gingen wohl mit mir durch. Ich mochte nicht was hier geschah. Ich mochte nicht die Welt in die sich Klaudia und Etzel verabschiedeten. Sie schienen nichts mehr anzusehen. Sie schienen lediglich noch die Augen auf Dinge zu richten. Es war beängstigend. Niemand wollte sich bewegen. Es war Spiel und Krankheit zugleich. Ganz abgesehen davon dass es mir Angst machte, so wie alles Angst auslöst was ungesund anmutet und was man nicht kennt. Das war keine Heimat, denn diese kennt man, oder glaubt es zumindest. Hier war mir alles unbekannt, selbst die Menschen, die man immer glaubte zu kennen. Und erst recht die Gegenstände und die Luft und alles was sich noch in diesem Raum befand. Je länger ich es kannte, und je besser ich es mir eingeprägt hatte, ohne es zu merken, desto fremder wurde es, und desto mehr verlor es von seiner Wärme. Ja, ich denke deshalb würde ich weggehen, und sei es heute Nacht. Und obwohl Klaudia noch immer kein Anteil nahm an dieser Situation würde sie mir folgen. Denn den größten Vorteil aus dem Verlassen dieses traurigen Ortes hatte eigentlich sie. Ob sie das aber wusste galt es erst noch herauszufinden. Ich stand auf, was alle am Tisch aus ihrer Lethargie riss. Ich war so voller Freude – ganz plötzlich – und so voller Euphorie meine Abfahrt vorzubereiten dass ich vergaß Rücksicht zu nehmen auf die, die das gerade nicht mit mir teilten. Ich stellte vorsichtig meinen Stuhl an den Tisch, und bemerkte wie die Anwesenden sich am Geräusch störten, dass die Stuhlbeine auf dem Fußboden erzeugten. Aber eigentlich wollte ich doch genau das. Die trübe Ruhe stören, die irgendwie falsch war an diesem Ort der gut und glücklich sein sollte. Also ging ich, wo ich schon einmal damit angefangen hatte irgendetwas zu tun.
Und vielleicht habe ich heimlich darauf gehofft dass mir gefolgt würde. Ich dachte ja nicht dass mir irgendwer Falsches folgen könnte. Aber so war es wohl. Denn in der stillen Dunkelheit des Ganges hörte ich auf dem weichen Teppich, Füße die mir nicht wohlwollend hinterherliefen. Ich glaubte aber nicht dass sie mir bis ganz nach vorn folgen würden. Vielmehr hörte ich schon jetzt wie sie leiser und leiser und langsamer und schweigsamer und schweigsamer wurden. Bis sie gar ganz verloschen, und ihr Klang nicht mehr an mein Ohr drang. Erst jetzt wagte ich mich umzudrehen, obgleich ich keine Angst hatte. Doch sehen tat ich nur das schwarze Loch dass im Speisesaal endete. Also eine finstere, gähnende Leere, die aussah als hätte sie 100 Jahre keiner mehr gestört. Aber ich wusste ja bereits wie wenig 100 Jahre waren und fühlte mich selbst schon damals mindestens 1000 Mal älter. Ich war im Licht, da war es leicht in die Finsternis und noch viel weiter zurückzublicken. Fast wie eine Metapher, dass ich mich umdrehte und die helle Treppe vor mir aufstieg und mich Stufe für Stufe einlud ins immer hellere Licht zu treten. Und es war auch fast wie eine Metapher dass Klaudia und Etzel immer noch am Ende des Ganges hinter schweren Türen verschlossen saßen, wie ein Monster dass die beiden verschlungen und sich ganz und gar zu eigen gemacht hat. Bei genauerer Betrachtung aber war es gar kein sprachliches Bild mehr. Schon lange nicht mehr. Es war Realität. Und ich denke dass ich und Klaudia uns so intensiv kannten, dass ich es schaffen konnte sie von aller Lethargie zu befreien und sie hier herauszuziehen. Und vielleicht konnte dieser Butler Gedanken lesen, denn genau jetzt sprach er:
„Nein, nicht so schnell.“
Vielleicht hatte ich aber auch nur den Gedanken den ich hegte laut ausgesprochen.
Es war egal, denn in jedem Falle stand er hinter mir und antwortete auf etwas dass nicht einmal eine Frage war. Und in jedem Falle machte er mir Angst. Seine Augen durchdrangen mich mit diesem lüsternen Blick. Ein mordlüsterner Blick wenn man genau hinsah. Aber lediglich ein höflicher, anbiedernder Blick wenn man es objektiv und aus der Ferne sehen würde. Aber das konnte ich in diesem Moment wohl nicht. Ich versuchte mich umzudrehen, und die Treppen hinauf in mein Gemach zu rennen. Es war der typische Fehler. Dort oben kam ich zu keinem Ausgang, aber es war der einzige Weg der mir offen blieb. Ich machte einen zaghaften Schritt nach hinten und versuchte das forsche Auftreten dieser Person abzuwenden. Spürte aber auf halbem Schritt einen Widerstand – die erste Stufe – über die ich sogleich fiel. Noch etwas benommen vom überraschend vorzeitigen Ende meiner Flucht, versuchte ich mich schnell und ungelenk rückwärts und auf allen Vieren die Treppe hinaufzubewegen. Dem Diener war es mehr als ein Leichtes die Verfolgung aufzunehmen. Und selbst wenn er gekrochen wäre’, hätte er mich eingeholt. Aber das tat er nicht. Er nahm sich einen der schweren Kerzenständer aus schwarz gewordenem Silber und trabte mir langsam hinterher. Ich war so von Angst gefüllt in meinem Kopf, dass ich es nicht wagte mich aufzurichten und die Flucht wie zunächst geplant fortzusetzen.
Ich quälte mich immer noch ungeschickt und langsam im Krebsgang ab. Und dieser komische Mensch stand vor mir mit dem Stück Edelmetall, dass dumpf von ein paar Sonnenstrahlen erleuchtet wurde und glänzte.
„Wir dürfen gehen wann wir wollen.“ Sagte ich zittrig und viel zu schnell. Ich war mir erst nicht sicher ob er mich überhaupt verstanden hatte.
„Natürlich dürfen Sie das. Diese Option steht Ihnen zu jeder Zeit offen. Aber bleiben Sie ruhig noch ein Weilchen.“
Er sagte es mit einem so hohen Maß an Höflichkeit, dass ich fast versucht war ihm zu glauben und sein großzügiges Angebot anzunehmen. Aber ich sah auch das metallene Ding in seiner Hand, dass ein potentielles Mordwerkzeug war. Und würde er es jetzt nicht benutzen, so vielleicht in der nächsten Nacht wenn ich schlief. Ich wusste es nicht, und wollte mich – als untrüglicher Indikator – auf mein Gefühl verlassen. Und dieses Gefühl hegte keine besonders große Zuneigung zu dem Mann mit dem Kerzenständer. Ich setzte meine Hand eine Stufe höher. Das war gut, was ich damals noch nicht wusste. Es war eine unbewusste Bewegung die mir mein Innerstes befahl, aber eigentlich wie aus Versehen passierte. Der Diener nahm sofort Notiz davon, und ging einen weiteren bedrohlichen Schritt auf mich zu. Nun konnte ich schon erahnen dass seine Absichten nicht ehrenhaft waren. Ich fing mich so weit dass ich mich aufrappeln konnte. Ich stand auf – ihm zugewandt – und kam dabei ein kleines Stück die Treppe herunter, so dass er weichen musste. Ich nutzte die Gelegenheit, und während ich mich noch über mich selbst wunderte, rannte ich auch schon die breiten Stufen hinauf zu meinem Zimmer. Der Diener ließ sich keine Zeit. Er folgte mir flink und holte den Abstand ein paar Mal wirklich erschreckend auf. Immerzu spürte ich seine Hand an meinem Rücken, jedoch schaffte er es nie, mich wirklich zu greifen. Und meine Wenigkeit hatte nur eines im Sinne. Schnell weg von ihm zu sein, mein Zimmer zu erreichen, es zu schaffen die Tür zu schließen und kurz sicher zu sein. Ich war oben angelangt, du trat noch einmal kurz und scharf auf, in der Hoffnung ihn zu treffen, ohne dass er sich an mir festhalten konnte. Dies gelang jedoch nicht. Ich spürte nur einen sehr geringen Widerstand, so als ob ich seine Nasenspitze berührt hätte. Schnell musste ich weiter, denn der Ausweichmoment würde sofort auch wieder vorbei sein. Und mit ihm, mein Vorsprung. Ich rannte als würde es um mein Leben gehen, denn genau genommen ging es um genau um das. Und der Teppich, er wurde so endlos wie der Flur, und so weich als ob ich darin mit meinen Füßen versank. Wie in einem schlechten Traum, in dem man in Zeitlupe vor seinen Verfolgern davonläuft. Und dabei wendete ich alle Kraft auf um meine Beine zu heben. Verstehen Sie mich nicht falsch. Hier war nichts Übernatürliches am Werke. Mir war nur als ob der Diener mir in den Nacken atmete. Ich hatte Angst. Mein Zimmer – ich erreichte es. Ich rannte hinein, hielt mich am Türknauf fest, und schloss die Tür so noch während des Betreten des Raumes. Und dabei hätte ich damit gerechnet dass sie geschlossen oder gar abgeschlossen ist. Ich stemmte mich verzweifelt mit meinem ganzen Körpergewicht dagegen. Und mit aller Kraft stieß ich meine Beine gegen den Boden, um so der größtmöglichen Belastung Herr zu werden, und mich gegen meinen Verfolger zur Wehr zu setzen. Zur Abwehr um genauer zu sein. Aber nichts geschah. Keinerlei Versuche die Tür zwischen uns nicht mehr zwischen uns stehen zu lassen. Nicht einmal ein Hämmern seiner Fäuste gegen das Holz war spür- oder hörbar. Sollte er denn so schnell aufgeben? War alles schon zu Ende? Ein törichter Gedanke, der auch nur kurz durch meinen Kopf huschte, so dass ich ihn gerade noch erkennen konnte, bevor er wieder verschwand. Denn Klaudia war unten, und ich war hier. Und es ist wohl eine Sache der Unmöglichkeit ihr zu helfen. Unsere Chancen gingen nicht gegen Null. Sie waren gleich Null. Ich setzte mich an die Tür. Mein Rücken schmiegte sich an das warme Holz, welches den ganzen Tag von der Sonne gestreichelt wurde. Die durchsichtigen Schleier vor den Fenstern wurden von einem angenehmen Hauch aufgewirbelt, und ihre Spitzen kitzelten gerade so mein Gesicht. Wie lange ich dort saß – ich kann es nicht mehr sagen. Aber zu einem seltsamen Zeitpunkt, als die Sonne sich vom Holz verabschiedete und bis zum nächsten Tage „Lebe wohl“ sagen wollte, da wusste ich dass das meine Chance war, mein Glück zu versuchen. Ob allein oder mit Klaudia – das Risiko dieses Zimmer zu verlassen würde das Gleiche bleiben. Und der Feind, würde nicht zu mir kommen, sondern warten dass ich zu ihm komme. Wozu ich wohl auch gezwungen war. Seltsam dass man nichts zum Kämpfen findet in so einem Schlafzimmer. Wer weiß ob das wirklich Zufall war, oder einfach nur mein Unvermögen meine Chance zu erkennen. Mit Porzellan und Glas wollte ich jedenfalls nicht kämpfen. Ich öffnete die Tür. Die Türklinke flüsterte eine leise drohende Melodie. Sie sagte mir, dass alle sie hören würden. Aber das wusste ich bereits, bevor ich sie berührte. Ich bewegte sie ganz langsam, so lang dass ich mir vornahm mein ganzes Leben damit zuzubringen. Ich schloss die Augen, um mich ganz darauf konzentrieren zu können. Um meinen meiner Sinne als Eingang missbrauchen zu lassen. Als Eingang abwegiger Sachen die mich ablenken und verwirren konnten. Ich verschloss meine Augen so fest vor allem dass man hätte glauben können ich unterschätzte die Gefahr. Aber das tat ich nicht. Ich lauerte begierig auf sie. Ich war aufgeregt wie ein Junge vor Fremden als ich hierher kam und immer vorher. Aber ich wusste wer ich war und inzwischen wusste ich auch dass ich es wusste. Mich erfüllte so viel Sicherheit dass ich fast gespannt war, wann und wie unser Kampf stattfinden würde. Ich sehnte mich danach alles so klug wie möglich zu absolvieren. Ich wollte clever sein, noch mehr als er, und es war als würde ich auf eine hell erleuchtete Bühne gestoßen, welche von unzähligen Zuschauern umringt war und verspürte doch mein Lampenfieber. In einem Satz: es war als ob keiner mich zu besiegen vermochte.
Die Klinke brachte mir Widerstand entgegen. Das Kalt drückte sich in meine Hand und gab mir das Zeichen dass ich die Klinke vollständig heruntergedrückt habe. Ich schob langsam die Tür nach außen. Sie knarrte laut. Und mit jedem Dezibel Lautstärke dass dieses Knarren enthielt, schwand mein soeben gewonnener Mut wieder etwas in sich zusammen. Ja das hat wohl die Sicherheit hinter dieser Tür verursacht. Doch die hatte mich verlassen. Oder besser gesagt: Ich habe sie in diesem Raum zurückgelassen. Ich kroch langsam auf allen Vieren hinaus. Der Teppich fühlte sich unglaublich weich an. Meine Hand versank fast vollständig darin wie in Treibsand. Aber es hatte den Vorteil dass dieser Mensch der da unten auf mich lauerte nicht wusste wo ich mich gerade befand. Ich war an der Veranda angekommen und duckte mich. Es wäre doch sehr auffällig gewesen, hätte ich dort geradewegs heruntergeschaut. Ja, ich wusste dass es dumm war. Aber ich tat es. Zu meinem Glück, so nahm ich zumindest an, war niemand da der mich hätte sehen können. Nun wissen wir ja, dass wir auf unserem ganzen Weg ständig beobachtet wurden. Aber in dieser Situation spielte das keine Rolle. Ich schaute mich um, nach einer Möglichkeit eventuelle Angriffe abzuwehren. Aber auch hier gab es Nichts. Nur diesen weichen Teppich. Und in diesem Moment fühlte ich mich so hilflos und wütend darüber dass ich mich sofort in das Hochhaus in Proxima zurückersetzt fühlte, in den Augenblick, in dem ich mir ärgerlich eingestehen musste, dass ich dort bleiben musste. Ich krabbelte zur Treppe und stieg sie vorwärts auf allen Vieren herab. Ständig auf meine Balance achtend, kam ich mir vor wie ein Raubtier, dass sich an seine Beute heranpirscht. Meine teppichenen Samtpfoten machten keinen Laut auf dem Stein. Kein Klatschen durch Hektik und kein Streichen durch Unvorsicht. Ja, genau wie ein Tier dass seine Beute sucht. Und dabei war dies eine Flucht bei der ich das Beutetier sein sollte. Schon witzig irgendwie. Meine Hüften bewegten sich noch schlängelnd und vorsichtig die letzten Stufen herunter. Ich hockte mich hin. Begierig schaute ich mich um, nur um festzustellen dass da auch wirklich keiner war. Ach hätte ich doch auch die scharfen Sinne eines Raubtieres gehabt. Aber ich vermochte nicht einmal wahrzunehmen was für Schatten sich in den letzten dunklen Ecken des Foyers tummelten. Es schien aber tatsächlich keiner da zu sein. Ich hörte keine Atemzüge, und ich fühlte keine Menschenwärme, die darauf einen Hinweis gegeben hätten. Nach einem kurzen Zögern, das mehr ein Abwarten war bewegte ich meinen Körper ganz langsam in die Richtung des dunklen Flures, in dem Klaudia noch saß, am Tisch, in diesem dunklen Raum. Das Licht schien, die Treppe herunter, und erleuchtete ansonsten das ganze erste Stockwerk beidseitig. Ja, es sah aus wie zwei Flüsse, die in der Mitte gewaltig zusammenbrausten und dann beruhigt, ausgelaugt und voll die Treppe, wie eine Straße herabzufließen. Rechts und links war es dunkel, und voll von Schatten die diese Dunkelheit formten. Ich schlich mich zu ihnen, und bemerkte wie sie mich aufnahmen, mich sich einverleibten und mich unsichtbar machten für alles was von Licht berührt wurde. Langsam schlich ich tiefer hinein. Es war fast lächerlich dass dieser wichtige Augenblick nicht in der festlichen Atmosphäre und der Gewaltigkeit stattfinden sollte, den manche Orte in diesem Schloss innehatten, sondern in einem dunklen Gang abseits aller Pracht. Der ehemals flauschige Stoff auf dem Boden schien unter meinen harten entschlossenen Schritten auch härter zu werden und alle Weichheit zu verlieren. Was sollte ich anderes tun wenn es doch nichts anderes zu tun gab? Wie sollte ich denn sonst entrinnen? Und wie sollte ich Klaudia denn anders überzeugen und mitnehmen?
Meine Schritte wurden langsamer je näher ich die Tür kommen spürte. Meine Hand legte sich auf die kalte Klinke die einen halben Meter vor mir aus der Tür prangte. Wie eine Einladung war sie, und hob sich von allem anderen in der Dunkelheit ab, so als hätte ich keine Wahl als sie zu betätigen. Denn ich hatte keine Wahl. Als ich die Tür öffnete kam sie mir seltsam leicht vor. Aber das war nur was ich bemerkte, bevor ich das Innere des Raumes bemerkte. Klaudia und Etzel saßen noch da wo ich sie zurückgelassen hatte, so als ob keine Zeit vergangen wäre seitdem. Aber etwas in ihren Gesichtern hatte sich verändert. Sie hatten nicht mehr den gleich Ausdruck, der ihnen um die Augen flatterte. Ich betrat den Raum und alles drehte sich zu mir um. So als wäre ich das erste Geräusch was sie jemals gehört hatten. Klaudia stand auf und kam auf und kam auf mich zu. Sie war nicht mehr lethargisch. Es war als wäre sie wieder aufgewacht nachdem sie einen tiefen Traum hatte. Sie fasste meine Hand und führte mich hinaus. Ich begriff nichts, aber ließ mich leiten. Die Tür fiel hinter uns ins Schloss und sperrte Etzel ein. Ich musste stehen bleiben. Mir war nicht bewusst was im Gange war. Klaudia drehte sich nur etwas harsch um sagte:
„Etzel sagte es hätte keinen Sinn.“ Und dann fügte sie hinzu: „Das Grübeln, denke ich, meinte er.“ Etzel hatte mit Klaudia geredet und dabei selber verstanden das keiner hier irgendeine Verantwortung hatte. Vor allen Dingen wir nicht – für die Probleme des Schlosses. Ich hielt Klaudias Hand wieder fester. Und wir gingen sicher den Gang entlang. Heute war tatsächlich die Nacht in der wir das Schloss verlassen sollten. Das wäre sie gewesen wenn diese Person, dieser Diener, uns die letzten Schritte nicht so schwer gemacht hätte. Er stand da so plötzlich, dass wir fast durch ihn hindurchliefen, wenn wir nicht so maßlos erschrocken gewesen wären. Er hatte dieses Schwert in der Hand, dass immer in der gusseisernen Hand einer Ritterrüstung steckte und strahle wie die Sonne. Er kam auf uns zu und das Schwert nahm denselben Glanz an, wie der Mond ihn hatte wenn wir in der Stadt tanzten. Silbriges Rot leuchtete überall im Gang und es war so wie eine Sommernacht unter freiem Himmel in diesem Augenblick im Schloss. Klaudia stieß einen kaum hörbaren Schrei aus, als der Diener versuchte uns mit einem Hieb zu trennen. Wir rannten zu beiden Seiten an ihm vorbei zur Treppe während er das Schwert anhob mit aller seiner Kraft. Aber er stand auch schon wieder vor uns, wie von Zauberhand. Wir eilten schnell die Treppen hoch, immer das Klimpern des Schwertes im Ohr das über Stein gezogen wurde. Immer höher und höher rannten wir, vorbei an Zimmern mit Toten, von Spinnen eingewebt fast bis zur Unendlichkeit. Ja, auch dieses Schloss konnte wie die Stadt sein, und wurde es auch immer mehr und mehr. Das Klirren von Metall war immer hinter uns, als ob wir Ketten an unseren Füßen mit uns zogen. Ich rannte fast ins Leere, hätte ich mich nicht an einem Steinrahmen festgehalten. Der Gang, der Allerletzte, führte ins Nichts. Er führte in die klare Nacht draußen, die genauso abscheulich schwarz war wie alles um uns herum. Der Butler stand hinter uns noch ehe ich mich davon erholt hatte, dass ich beinahe in die schwarze Tiefe gerannt wäre. Jetzt ging es nicht mehr weiter. Jetzt ging es nur noch nach unten. Und diesen Weg gingen wir auch. So hieß es doch. Ihr müsst den Weg gehen. Ihr dürft nicht davon abweichen, sondern nur dort entlang gehen wo es auch einen Weg gibt. Meine Ansprüche an den Begriff „Weg“ waren inzwischen drastisch gesunken. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Und da auch noch dieser Igel, der zu mir zu sagen schien:
„Ich bin schon da. Und werde es immer sein.“ Da entschloss ich mich, genau in diesem Augenblick, dazu. Ich führte es doch, bei genauer Erinnerung, schon aus als ich es dachte. Aber das konnte natürlich im Nachhinein trügen.
1000 Schmerzen trafen mich, und fluteten über die Nerve in mein Gehirn. Sie waren so überwältigend dass ich kurz gar nichts dachte bevor ich zu der Vermutung gelangte, dass ich es wohl doch nicht getan hatte.
Als ich die Augen öffnete und die Geländer der endlosen Treppen vorbeifliegen sah, wusste ich dass ich gesprungen war. Mitten hinein in das dunkle Loch dass den Weg in die Freiheit enthielt. Klaudia in meinen Armen haltend, versuchte ich den Schmerz von ihrem schönen zarten Körper abzuwehren. Es gelang mir, sie vollkommen in mich zu hüllen, so dass ihr nicht eines ihrer starken Haare gekrümmt wurde. Der enge Tunnel nach unten, war umzäunt von den Brüstungen und Geländern der Flure und Treppen. Es war viel zu eng für uns zwei. So bremsten die Hindernisse meinen freien Fall ab und taten mir gleichzeitig weh – an allen Knochen in meinem Körper. Doch der Schmerz musste von kurzer Dauer sein denn so sehr ich auch abgebremst wurde, flog ich immer noch schnell und behend auf den Boden zu. Den karierten Boden, der zu Treppen führte, die wieder ins Unglück führen würden. Ich wusste nicht ob ich unserer Flucht dienlich war oder sie gar selbst vereitelte. Klaudia schrie kurz in meinen Armen auf als hätte ich sie nicht richtig gehalten und sie den Konsequenzen dessen ausgeliefert. Aber es war wohl nur ein ängstliches Gewimmer, dass an der engsten Stelle und dem höllischsten Schmerz seinen Höhepunkt fand.
Wir schlugen unten auf. Unsere Beine erreichten zeitgleich den harten Boden. Es war als sollten wir weiter fallen, durch den Boden hindurch. Abgebremst von der engen Lücke im Treppenhaus war der Aufprall nur halb so stark wie er hätte sein können. Ohne Zeit, uns unseren körperlichen Missständen zu widmen, erhoben wir uns und rannten. Zwischen dem rechten und dem linken Treppenaufgang führte ein Gang hindurch. Das war der Ausgang. Hätte ich nichts mehr von früher gewusst, wir wären verloren gewesen, und hätten wahrscheinlich uns selbst verloren auf der Suche nach dem Ausgang in diesem riesigen Monument. Dabei war die Lösung die denkbar Einfachste. Der Eingang und der Ausgang lagen sich direkt gegenüber. Keiner kann wissen wie viele daran scheiterten, da man nicht wusste wie lange diese Machenschaften im Schloss schon vor sich gingen. Wir rannten verzweifelt auf die kleine Holztür zu, zu der es nichts weiter zu sagen gibt als dass sie aus Holz war, und schlicht, fast verschwindend war. Für einen kurzen Augenblick überkam mich der Anflug, nein nur der Schatten eines Zweifels ob sie überhaupt zu öffnen war ohne Schlüssel. Aber der Schatten schwand so schnell wie er kam im Nirgendwo meines Gedankenansturmes als Klaudia sie einfach öffnete. Kurz schauten wir uns fragend an. Aber der polternde Lärm der durchs Treppenhaus zog und uns unseren Verfolger ankündigte ließ alle Fragen schwinden und uns lediglich diesen Gang benutzen zu dem wir uns soeben Zugang verschafft hatten. Er war so schmal dass keine zwei Personen nebeneinander stehen konnten darin. Hintereinander rannten wir schnurstracks hindurch. Er war etwa wohl 200 Meter lang und endete mit einer zweiten Tür. Ich hoffte insgeheim es möge die Tür nach draußen sein, doch mein Verstand sagte mir wohl dass diese Tür zu schlicht war um de Ausgang des Châteaus zu markieren.
Wir öffneten sie vorsichtig. Wir gewannen wohl zu viel Zuversicht, da wir dachten wir könnten uns erlauben einen Moment zu zögern. Es drangen Geräusche aus dem Raum die aber lediglich das Echo waren dessen, was wir hier an Geräuschen produzierten. Wir öffneten die Tür. Keiner von uns war unbeeindruckt ob des Bildes das sich uns bot. Die sagenumwobene Grabkammer des Schlosses. Hier lagen alle ehrwürdigen Vorfahren Etzels. Keiner fehlte. Die Halle wurde durch Säulen gehalten die aus braunem Marmor waren und jede für sich ein Vermögen wert war mit den üppigen Goldverzierungen. Zwischen den zwei Reihen endloser Säulen ragten die Standbilder der Alten. Wie auf den Gemälden im Gang zur Empfangshalle thronten sie auf ihren unüberwindbaren Sockeln. Wir schauten sprachlos um uns. Die Pracht zu beschreiben die diesen Raum erfüllte, wäre Hohn, da kein Wort diesem gerecht werden würde. Es war unvorstellbar. So unvorstellbar dass selbst das Erinnern daran schwer fiel, wenn man nicht ein Detail vergessen wollte. Und das will ich natürlich nicht da es die Unvergesslichkeit dessen schmälern würde. Unsere Winzigkeit gemessen an diesem Saal war angsteinflößend. Der Raum ging weit zur Seite. Neben unserem Eingang und dem gegenüberliegenden Ausgang der sich in etwa 30 Metern Luftlinie befand gab es nur Weite in diesem Raum. Hinter den Säulen schien der Raum nur noch leer zu sein. Und die leere Schwärze war wie eine Wand die den Raum rechts und links begrenzte. Noch staunend vernahmen wir gar nicht den gierigen Blick, der uns wie verrückt durchbohrte und immer wahnwitziger leuchtete. Klaudia sah ihn zuerst. Unser Verfolger war noch nicht abgehangen und es war keine Zeit die Mauern zu bewundern. Wir würden nie die Zeit haben, denn wir haben uns in jeder Hinsicht auf eine Jagd begeben. Der Diener lugte durch die Tür und sein Ausdruck war immer noch grausam und wahnsinnig und wurde es immer mehr als er uns entdeckte. Klaudia und ich schauten uns nicht einmal an. Wir rannten einfach los. Mit klickenden Geräuschen rannten wir um unser Leben. Klickende Geräusche, die wir hinter uns ließen und die von hinten an unser Ohr drangen. Er war direkt hinter uns und hatte uns schon beinahe eingeholt, was das Ende gewesen wäre. Seine Finger griffen nach mir und berührten, ja streichelten fast, den Stoff meiner Sachen. Beflügelt von noch größerer Angst versuchte ich noch schneller zu rennen. Aber meine Beine konnten sich gar nicht schneller bewegen. Ich war wahnsinnig vor Angst und versuchte mit meinem Willen meine Beine die Lichtgeschwindigkeit besiegen zu lassen. Doch es kam anders. Meine Beine behinderten sich gegenseitig. Mein linker Fußrücken blieb irgendwie plötzlich in meiner Kniekehle stecken. Und nur noch auf einem Bein rennend, fiel ich vornüber. Ich hätte meine Beine verfluchen mögen, wenn alles nicht so schnell gegangen wäre. Zu schnell, um darüber nachzudenken. Der Diener der genau hinter mir war und die Gelegenheit hatte seinen Plan zu vollenden, fiel beinahe über mich drüber, so nah war er mir gewesen. Ich drehte mich um. Er stand vor mir und fixierte mich mit seinem umnachteten Geistergesicht. Irgendwo in weiter Entfernung hörte ich Klaudias schnelles Fußgetrappel. Sie rannte zur Tür. Ich konnte nicht von ihr verlangen mir zu helfen. Mein Todesurteil musste nicht das Ihrige sein. Es war gut dass sie so schlau war das zu begreifen. Meine Aufmerksamkeit hatte sie kaum mehr. Ich konzentrierte mich jetzt auf das Ende meines Lebens und sie sich auf die Erhaltung ihres eigenen.
In einem letzten Anflug von Verzweiflung trat ich aus. Mit voller Wucht traf mein Tritt sein Knie. Der Diener ging zu Boden. Später überlegte ich ob es nicht genau dieser Gedanke war, der mich gerettet hatte. Der Gedanke ohne Klaudia zu sterben, und der Gedanke Klaudia diesen Weg allein gehen zu lassen. Das schmerzverzerrte Gesicht des Dieners jagte mir Angst ein. Es war zu einer dämonischen Fratze verzogen, die mich beim bloßen Anblick fast lähmte. Ich bewegte mich im Krebsgang rückwärts, Unfähig aufzustehen, aus überwältigender, ja fast lebensaustreibender Angst vor diesem Bediensteten, der sich zu verwandeln schien. Ich hatte Angst obwohl ich es wusste. Ich wusste doch wie sein wahres Gesicht aussah. Aber es vor mir zu erkennen, und über die Sinne aufzunehmen war ein ungleich größeres Gräuel. Ich drehte mich weg, und krabbelte auf allen Vieren zur Tür, wo eine kleine Figur mich voller Angst anstarrte und den Türknauf, der ihre ganze Hand ausfüllte, fest umklammert hielt. Klaudia hatte gewartet. Was hätte ich nur getan ohne sie? Nichts! Und sie hatte gewartet. Ich fühlte mich wieder in der Lage aufzustehen und zu ihr zu gehen. Sobald ich wieder aufrecht war, sah ich sie schon ferne zittern. Sie hatte, so befürchtete ich, eine gar noch größere Angst als ich. Sie hatte eine lähmende Angst. Eine Angst die es ihr unmöglich machte überhaupt nur ihren Blick von mir abzulenken. Ich ging auf sie zu. Wie eine dunkle Macht, zog es mich zu ihr hin. Und das Drehen des Türknaufs, dass sie vollzog ohne dass ich sie schon erreicht hatte war der wundervollste Augenblick. Sie hielt mir die Tür auf und zeigte mir dass sie meine Frau war. Auf eine ganz besondere Art war sie meine Frau. Ganz fernab von dem Bündnis dass wir diese Reise zu zweit bestreiten wollten.